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1711 hat An­to­nio Vival­di (1678–1741) zwölf Kon­zer­te für 1–4 Vio­li­nen und Streich­orches­ter unter dem Ti­tel L’Estro armo­ni­co op. 3 (dt. „Die har­mo­ni­sche Ein­ge­bung“) ver­öffent­licht. Dabei spie­len im ersten Kon­zert vier Vio­li­nen solo, im zweiten Kon­zert zwei Vio­li­nen, und drit­ten Kon­zert gibt es nur eine Solo­vio­li­ne. Diese Fol­ge wieder­holt sich vier­mal, wo­bei manch­mal ein Solo­cello hinzu­­tritt. Vival­dis Konzert­zyklus hat einen rie­si­gen Ein­fluss auf die euro­pä­ische Mu­sik ge­habt, schon bald gab es Nach­drucke, und man sprach von einem Vi­val­di-Fieber.
Hören wir aus diesem Zy­klus heu­te auf der Klassik­liste den 1. Satz aus dem be­kann­ten Kon­zert für Vio­li­ne und Streich­orchester G-Dur op. 3 Nr. 3. Es spie­len Pina Car­mi­rel­li mit I Musici, ver­mutlich dem be­rühm­tes­ten ita­lie­ni­schen Kammer­­orches­ter. Es wurde 1951 von Stu­den­ten ge­grün­det und be­steht noch heu­te: http://www.imusici.info/
Auf der Ergänzungs­liste gibt es das ge­sam­te Kon­zert. Außer­dem die be­kann­te Be­arbei­tung als Kon­zert für Cem­ba­lo solo BWV 978 in F-Dur, also einen Ton tiefer, von Jo­hann Sebas­tian Bach, am Cem­ba­lo spielt Ben­ja­min Alard.

Für den 1. Weih­nachts­feier­tag hat Jo­hann Sebas­ti­an Bach (1685–1750) in sei­nem Weih­nachts­­ora­to­ri­um BWV 248 die Kan­ta­te „Jauchzet, froh­locket, auf, prei­set die Tage“ vor­ge­sehen, die am 25. Dezem­ber 1734 unter seiner Lei­tung als Kan­tor der Thomas­kirche in Leip­zig ur­auf­ge­führt wur­de.
In ihrem Zen­trum steht die Ge­burt Jesu in der Dar­stel­lung von Lu­kas 2, 1–7. Hö­ren wir heu­te auf der Klassik­liste den be­rühm­ten pracht­vol­len Ein­gangs­chor mit Pauken und Trom­pe­ten, der der Kan­ta­te den Namen ge­geben hat. Es singt wie da­mals der Thomaner­chor Leip­zig, es spielt das Gewand­haus­­orches­ter in einer Live-Auf­nahme aus dem Dezem­ber 2018 unter Lei­tung von Gott­hold Schwarz, des 17. Thomas­kan­tors nach Bach.
Auf der Ergänzungs­liste gibt es die ge­samte Kan­ta­te, in der noch das Eingangs­rezi­ta­tiv „Es begab sich aber zu der Zeit“ mit den Worten des Evan­ge­li­ums in der Über­setzung von Mar­tin Luther, die Alt-Arie „Be­reite dich, Zion“ und die groß­artige Bass-Arie „Großer Herr, o star­ker König“ her­vor­­zu­heben sind.
Die Kan­ta­ten für den 2. und 3. Weih­nachts­feiertag wur­den be­reits in #30 und #83 vor­ge­stellt.

Heu­te wür­de der kana­di­sche Pia­nist Glenn Gould (1932–1982) seinen 90. Ge­burts­tag fei­ern. Er war un­ter al­len Aus­nahme­pia­nis­ten des 20. Jahr­hun­derts ver­mut­lich der außer­ge­wöhn­lichs­te. Seine Mut­­ter brach­te ihm das Klavier­spie­len bei und ver­lang­te, dass er mit­sin­gen sol­le – eine An­ge­wohn­heit, die er auch später nicht mehr ab­legte. Er tauch­te seine Hän­de vor und wäh­rend des Spie­lens in heißes Was­ser, er saß auf einem nie­dri­gen Stuhl mit ab­ge­säg­ten Bei­nen, er leb­te sehr zurück­ge­zo­gen und kom­muni­zier­te mit der Außen­welt lange nur übers Tele­fon usw. Viele seiner Ver­haltens­wei­sen bringen Psycho­lo­gen heu­te mit ei­nem mög­lichen As­per­ger-Syn­drom in Ver­bin­dung.
Gould ist vor allem wegen seiner Bach-Inter­pre­ta­tio­nen legen­där, und vielen gilt er noch im­mer als größter Inter­pret der Wer­ke Jo­hann Sebas­ti­an Bachs. Er be­saß die Ga­be, die einzel­nen Stimmen im poly­pho­nen Satz zum Spre­chen zu brin­gen, wo­durch ein kom­plexer wechsel­sei­ti­ger Dia­log ent­steht.
Hören wir auf der Klassik­liste die Sara­ban­de aus der Par­ti­ta Nr. 1 B-Dur BWV 825, die ich be­sonders liebe. Auf der Ergänzungs­liste ist Glenn Gould mit der ge­sam­ten Par­ti­ta zu hö­ren.
Um einen opti­schen Ein­druck zu ge­win­nen: Hier spielt Glenn Gould eine lang­same Fuge aus dem 2. Buch des Wohl­­tem­pe­rier­ten Kla­viers: https://www.youtube.com/watch?v=Mia9woisQZo

Heute fei­ert Rein­hard Goe­bel seinen 70. Geburts­tag. Als brillan­ter Gei­ger mach­te er sich früh mit der ba­rocken Spiel­weise ver­traut und wur­de zu einem der wichtigs­ten Weg­be­rei­ter der sog. his­to­ri­schen Auf­füh­rungs­praxis in Deutsch­land. 1973 hat er das En­sem­ble Musi­ca Anti­qua Köln ge­grün­det, mit dem er seine klang­lichen Vor­stel­lun­gen in zahl­rei­chen Auf­füh­run­gen und Auf­nah­men um­setz­te. Als er krank­heits­be­dingt nicht mehr Vio­line spie­len konn­te, lös­te sich das En­sem­ble 2006 auf. Seit­her wid­met er sich dem Di­ri­gie­ren und gibt seine Er­fah­run­gen als Pro­fes­sor für his­to­ri­sche Auf­füh­rungs­praxis am Mozar­teum in Salz­burg wei­ter.
Aus diesem An­lass und weil wir heu­te Hoch­zeits­tag haben, hören wir auf der Klassik­liste die Arie „Sich üben im Lieben“ aus Bachs Hoch­zeits­kan­ta­te „Weichet nur, be­trüb­te Schat­ten“ BWV 202. Der durch und durch ba­rocke Text lau­tet:

Sich üben im Lie­ben,
In Scher­zen sich her­zen
Ist besser als Flo­rens ver­gäng­liche Lust.
    Hier quel­len die Wel­len,
    Hier lachen und wachen
    Die sie­gen­den Pal­men auf Lippen und Brust.

Es singt die wunder­bare Chris­tine Schä­fer (geb. 1965), be­glei­tet von Mu­si­ca Anti­qua Köln unter Lei­tung von Rein­hard Goe­bel in einer Auf­nahme von 1999. Auf der Ergänzungs­liste fin­det sich die ge­sam­te Kan­ta­te.

Die Johannes-Passion BWV 245 ist die erste Passion von Jo­hann Se­bas­tian Bach (1685–1750). Sie wur­de an Kar­frei­tag, den 7. April 1724 in der Leip­zi­ger Niko­lai­kirche ur­auf­­ge­führt. Sie ist in fünf „Akte“ ge­glie­dert: 1. Ver­rat und Ge­fan­gen­nahme Jesu, 2. Ver­leug­nung durch Pe­trus, 3. Ver­hör und Ver­ur­tei­lung Jesu durch Pontius Pi­la­tus, 4. Kreu­zi­gung und Tod sowie 5. Be­gräb­nis Jesu.
Auf der heutigen Klassik­liste hören wir die Ver­leug­nung durch Pe­trus: „Er leugnete aber und sprach: Ich bin’s nicht! Spricht des Hohen­pries­ters Knecht einer, ein Ge­freund’ter des, dem Pe­trus das Ohr ab­ge­hauen hat­te: Sahe ich dich nicht im Gar­ten bei ihm? Da ver­leug­ne­te Pe­trus aber­mal, und also­bald krähe­te der Hahn. Da ge­dach­te Pe­trus an die Wor­te Jesu, und ging hin­aus und wei­ne­te bit­ter­lich“, wobei der letzte Satz nicht aus Joh. 18, 25–26 stammt. Wir hören die Star­besetzung des 20. Jahr­hun­derts: Fritz Wunder­lich als Evan­­ge­­lis­ten und Die­trich Fischer-Dies­kau als Jesus. Auf der Ergänzungs­liste ist die ge­samte Szene mit ihrer be­klemmen­den Aus­sage zu finden.

Am 2. Weih­nachts­feier­tag wird die 2. Kan­ta­te des Weih­nachts­ora­to­ri­ums BWV 248 von Jo­hann Se­­bas­tian Bach (1685–1750) auf­ge­führt, in der der Engel den Hir­ten die Nach­richt von der Ge­burt Jesu über­bringt. Die Ein­leitung der Kan­ta­te mit dem Titel „Und es waren Hir­ten in der­selben Ge­gend“ bil­det die be­kann­te Hirten­sin­fo­nie mit Travers­flö­ten, Oboen d’amo­re und Oboen da caccia als „Hirten­instru­men­ten“. Höhe­punkt ist die Ver­kündi­gung des Engels: „Fürch­tet euch nicht. Siehe, ich ver­kün­di­ge euch große Freu­de, die al­lem Volk wider­fah­ren wird; denn euch ist heu­te der Hei­land ge­boren, wel­cher ist Chris­tus, der Herr, in der Stadt Davids“ (Lk 2, 10–11). Dann kommt die große Tenor-Arie „Frohe Hir­ten, eilt, ach eilet“ – sehr schwie­rig, aber wunder­schön! Später kommt noch die Alt-Arie „Schlafe, mein Liebs­ter, ge­nieße der Ruh’“ und der mit­reißen­de Chor „Ehre sei Gott in der Höhe“. Bei der Ur­auf­füh­rung 1734 war der 26.12. übri­gens wie heute ein Sonn­tag.
Wir hören auf der Klassik­liste die Tenor-Arie, 1965 ge­sungen von Fritz Wunder­lich – wie da­mals üb­lich in lang­samem Tem­po. Es begleitet das Münch­ner Bach-Orches­ter, Dirigent ist Karl Rich­ter. Auf der Ergänzungs­liste hören wir die ge­samte 2. Kan­ta­te in einer moder­nen Auf­nahme mit raschen Tempi unter Lei­tung von Jordi Sa­vall.

Der 31. Okto­ber ist der Re­for­mations­tag, denn 1517 hat Mar­tin Luther an die­sem Tag nach der Über­liefe­rung seine 95 Thesen an der Tür der Schloss­kirche zu Witten­berg an­ges­chlagen und da­mit die Re­forma­tion an­ge­stoßen. Üb­licher­wei­se en­det ein evan­ge­li­scher Gottes­dienst am Re­forma­tions­fest mit dem Kirchen­lied „Ein feste Burg ist un­ser Gott“. Der Text lehnt sich an Psalm 46 an und wur­de von 1529 von Mar­tin Luther selbst ge­schrie­ben:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_feste_Burg_ist_unser_Gott.
Die Melo­die stammt ver­mut­lich von Jo­hann Wal­ter. Und Jo­hann Sebas­tian Bach hat dann un­ge­fähr 200 Jah­re spä­ter einen vier­stimmi­gen Choral da­zu ge­schrie­ben, der im Bach-Werke-Ver­zeich­nis die Num­mer BWV 302 erhalten hat. Auf der Klassik­liste hö­ren wir die 1. Stro­phe, es sin­gen die Augs­bur­ger Dom­sing­kna­ben unter Lei­tung von Rein­hard Kamm­ler. In einer Be­arbei­tung von W. B. Olds kann man das­selbe Kirchen­lied mit al­len Stro­phen vom Wart­burg Chor am Original­schau­platz, der Schloss­kirche Witten­berg, hören: https://www.youtube.com/watch?v=nDdHtOSHIXE.

„Die orgl ist doch in meinen augen und ohren der könig al­ler jnstru­men­ten.“ schreibt Mozart. Daher soll die Orgel heute end­lich ein­mal al­lein zu Ge­hör kom­men, und zwar gleich mit dem be­kann­tes­ten Werk, das für sie ge­schrie­ben wur­de, der Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 von Jo­hann Sebas­tian Bach (1685–1750). Welch eine Musik!
Auf die Klassik­liste habe ich nur die Toccata gestellt, auf der Ergänzungs­liste sind Toccata und Fuge zu hören, denn die Toccata geht als Prä­lu­dium üb­licher­weise attacca in die Fuge über. An der Orgel spielt Gus­tav Leon­hardt (1928–2012), einer der be­rühm­tes­ten Orga­nis­ten und Cem­balis­ten des 20. Jahr­hunderts, heute vor 93 Jah­ren in den Nieder­lan­den ge­bo­ren.

Johann Sebastian Bachs Vertonung der Passionsgeschichte von Jesus von Nazareth nach dem Evangelium von Matthäus stellt einen Höhepunkt der abendländischen Musikgeschichte dar. In der knapp dreistündigen Matthäus-Passion BWV 244 aus dem Jahre 1727 wird die Geschichte vom letzten Abendmahl bis zum Tod am Kreuz in überaus berührender und dramatischer Weise erzählt – eine sehr effektvolle Darstel­lung, würde man heute sagen.
Der Tod Jesu soll gegen drei Uhr nachmittags eingetreten sein, weshalb alle Kirchen­glocken zu dieser Zeit läuten. Danach heißt es in der Luther-Übersetzung bei Matthäus 27,51f.: „Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. [Gemeint ist der Vorhang, der in jüdischen Tempeln den heiligen vom weltlichen Bereich trennt, Gott zeigt sich also unmittelbar den Menschen.] Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, [Es hat sich ein Erdbeben ereignet.] und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. [Verstorbene erschienen lebenden Menschen, und angesichts der außergewöhnlichen Ereignisse gelangen die Wachleute als erste zur Einsicht in die göttliche Natur Jesu:] Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“
Nach zweieinhalb Stunden intensiver Musik geht bei diesem kurzen herrlichen Chor der Himmel auf, und es läuft einem eiskalt den Rücken herunter!
Dieses Werk muss man einmal ganz gehört haben, noch besser: Man sollte es selbst einmal in einem Chor mitsingen. Auf der Klassikliste gibt es eine Stuttgarter Einspielung von der Gächinger Kantorei unter der Leitung von Helmuth Rilling. Den Evangelisten singt Michael Schade. Die Aufnahme wurde übrigens 1994 in der Stadthalle Sindelfingen gemacht.

Als Johann Se­bas­tian Bach 1723 Kan­tor der Thomas­kirche in Leip­zig wurde, war er für die Musik in den vier Haupt­kir­chen der Stadt ver­ant­wort­lich. Seine wichtig­ste Auf­gabe war die Vor­be­rei­tung und Auf­füh­rung einer Kan­ta­te an jedem Sonn- und Feier­tag. Er muss­te also wöchent­lich eine Kan­ta­te kom­po­nie­ren, dazu Ora­to­ri­en, Passions­musi­ken und Auf­trags­werke. Zwei kom­plet­te Jahr­gän­ge von Kan­ta­ten sind noch er­hal­ten, eini­ges ist ver­mut­lich ver­lo­ren­ge­gan­gen. Bach hat sich auch da­mit be­hol­fen, dass er schon vor­han­de­ne Wer­ke um­ge­arbei­tet hat, in­dem Musik und Text ver­ändert und an­ge­passt wur­den. Das war da­mals üb­lich, der Fach­be­griff für dieses Ver­fahren heißt Paro­die.
Die 3. Kan­ta­te des Weihnachts­oratori­ums BWV 248 von Johann Sebas­tian Bach (1685–1750) ist für den 3. Weih­nachts­feiertag am 27.12. vor­ge­sehen. Die Weih­nachts­ge­schich­te wird da­rin mit der An­be­tung der Hir­ten ab­geschlos­sen. Herr­lich ist das inni­ge Duett von Sopran und Bass „Herr, Dein Mit­leid, Dein Er­bar­men“. Der Ein­gangs­chor „Herr­scher des Himmels, er­hö­re das Lal­len“ preist mit prächti­gem Trompeten­klang Gott den All­mächti­gen. Bach hat diesen Chor um­ge­arbei­tet, vor­her war es der Schluss­chor der welt­lichen Kan­ta­te „Tönet, ihr Pau­ken! Er­schal­let, Trom­pe­ten!“ BWV 214, die er ein Jahr zu­vor für Maria Jose­pha, der Kur­fürs­tin von Sachsen, zum Ge­burts­tag kom­po­niert hat.
Auf der Klassik­liste hören wir heute den Chor in der Fas­sung aus dem Weih­nachts­orato­ri­um, es singt die Gächin­ger Kan­to­rei, be­glei­tet vom Bach-Colle­gi­um Stutt­gart, in dem Tho­mas Geh­ring häu­fig mit­ge­spielt hat. Die Lei­tung hat der be­kann­te Stutt­gar­ter Diri­gent Hel­muth Ril­ling. Mei­ne Frau und ich, wir ha­ben die 1, 3. und 6. Kan­ta­te des Weih­nachts­orato­ri­ums wäh­rend des Stu­di­ums in mei­nem ehe­mali­gen Schul­chor in der Stifts­kirche Herren­berg ge­sungen – Anto­ni­us Dewes war Solo-Bassist, die Lei­tung hatte Annette Dewes.
Auf der Ergänzungs­liste ist die welt­liche Fas­sung des Chors unter dem Titel „Blühet, ihr Lin­den in Sachsen, wie Ze­dern“ in einer modernen, raschen Fassung zu finden.