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An diesem Sonn­tag soll das Cello zu Gehör kommen. Johann Sebastian Bach hat für die „großen“ Instru­mente Klavier, Violine und Violon­cello jeweils Samm­lungen von Solo-Stücken kom­poniert, die zum Größten und Bedeutend­sten gehören, was es über­haupt an Musik auf dieser Welt gibt. Diese meist Suiten oder Partiten ge­nannten Samm­lungen sind ein ganzer Kosmos an Gedanken und Em­pfindun­gen, und es lohnt ein ganzes Leben, ihnen nach­zuspüren und sie aus­zu­leuchten. Über die Suiten für Violon­cello solo von Bach sagte der berühmte Cellist Pablo Casals: „Sie sind die Quint­essenz von Bachs Schaffen, und Bach selbst ist die Quint­essenz aller Musik.“
Aus der Suite Nr. 1 für Violon­cello solo G-Dur BWV 1007 hören wir auf der Klassik­liste das be­kannte Prä­ludium, das der Italiener Paolo Beschi außer­ordentlich mit­reißend vor­trägt. Oft­mals wird das Stück ziem­lich sta­tisch ge­spielt, hier wird es aber sehr leben­dig und gerade­zu stür­misch inter­pretiert. Die CD mit allen sechs Cello-Suiten wurde übri­gens in Italien im Saal der Villa Medici Giulini auf­genommen, was den herr­lichen Klang der Auf­nahme erklärt.

Aus Anlass des Todes der Großmutter wenden wir uns heute der Chor­musik zu: Der Choral „Befiehl du deine Wege“ wird traditionell auf Be­erdi­gungen gesungen. Der Text stammt von Paul Gerhardt (1607–1676), einem evange­lischen Pfarrer, der viele fromme, innige Kirchen­lieder gedichtet hat und so zum be­deutend­sten deutsch­sprachigen Kirchen­­lied­dichter gewor­den ist. Die Lieder „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, „Ich steh an deiner Krippen hier“, „Nun ruhen alle Wälder“, „Wie soll ich dich empfangen“ wurden zum Beispiel von ihm gedichtet und haben meist 6, 8 oder sogar 12 Strophen, von denen oft nur die ersten bekannt sind.
Der Text von Paul Gerhardt wird auf verschiedene Melodien gesungen, auch auf die Melodie von Hans Leo Haßler aus dem Jahr 1601 (als der Text noch gar nicht exisiterte). Diese Fas­sung ist so berühmt geworden, weil Johann Sebastian Bach aus ihr einen vier­stimmigen Choral gesetzt hat, den er in die Matthäus-Passion – das größte und bedeutendste Kir­chen­musik­werk überhaupt – auf­ge­nommen hat. Ich habe die Matthäus-Passion vor ungefähr 25 Jahren selbst in einem Chor in Tübingen in der Stifts­­kirche mit­gesun­gen – ein rie­siges Er­lebnis, und wer kann, sollte auch ein­mal ein großes Werk von Bach im Chor mit­singen.
Auf der Klassikliste wird der Choral „Befiehl du deine Wege“ vom Hilliard Ensemble gesungen, einem der besten Gesangs­ensembles der Welt. Hier werden die Frauen­stimmen – wie zu Bachs Zeit ver­mutlich auch – von Männern gesungen, sogenannten Counter­tenören, die in der sog. Kopf­stimme singen. Darüber, wie schnell Bach­choräle zu singen sind, gibt es übrigens einen langen Streit. Früher hat man sie langsam und sehr getragen gesungen, heute singt man sie meist sehr rasch. Drei weitere Fassungen in unter­schiedlichen Tempi finden sich auf der Ergänzungs­liste.

Heute kommen wir zum Klavier, und ich präsentiere auf der Klassikliste eines der schönsten Stücke, die es für Klavier überhaupt gibt: Den Choral Jesus bleibet meine Freude von Johann Sebastian Bach in der Be­arbeitung für Klavier von Myra Hess, einer britischen Pianis­tin. Die Aufnahme ist alt und rauscht – aber sie ist zutiefst beseelt. Aus der Begleitung der Triolen tritt der Choral mit dem Text Jesus bleibet meine Freude, / meines Herzens Trost und Saft usw. hervor, es entsteht eine wahre Verbindung von Himmel und Erde.
Diese Choralbearbeitung ist vor allem durch den groß­artigen rumänischen Pianisten Dinu Lipatti bekannt geworden, der das Stück in seinen Konzerten gespielt hat. Lipatti (1917–1950) war ein be­gnadeter Musiker, der alles mit einem tiefen Verständnis spielte und schon zu Leb­zeiten für sein „göttliches“ Klavier­spiel bewundert wurde. Ich kenne keinen Pianisten, der Bach und Mozart so beseelt, so berüh­rend gespielt hat wie er. Mit 30 Jahren ist er an Krebs erkrankt und mit 33 Jahren gestorben. Man weiß nie, wie lange man lebt.
Ich habe mehrere CDs von ihm. Großartig finde ich auch die Partita Nr. 1 in B-Dur BWV 825 ebenfalls von Bach, die ich auf die Ergängzungsliste gestellt habe.