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Am Palm­sonntag rei­tet Jesus Chris­tus dem Evan­ge­lium zu­folge auf einem Esel – und nicht wie die welt­lichen Könige hoch zu Ross – in Jeru­sa­lem ein. Es ist eine Geste der De­mut und des Frie­dens eines Königs, der nicht auf poli­ti­sche oder mili­tär­ische Macht setzt.
Georg Phi­lipp Tele­mann (1681–1767), der heute vor 343 Jahren ge­boren wurde und da­mit vier Jahre älter als Bach und Händel war, hat für Palm­sonntag eine klei­ne Kan­ta­te kom­po­niert. Sie beginnt mit dem Vers „Schaut die De­mut Pal­men tragen, welche Gott erhöhet hat“ – ein schö­ner deutscher AcI, denn die De­mut trägt als Akku­sa­tiv­­sub­jekt Pal­men, die in der Anti­ke Sym­bol des Lebens und des Sie­ges wa­ren. Die Kan­ta­te be­steht aus zwei Arien für hohe Stim­me und einem Rezi­ta­tiv da­zwischen. Hören wir auf der Klassik­liste heute die ab­schließende Arie mit dem Text „Ihr, die ihr nur das Eit­le liebet, ihr sucht die Hoheit hier zu früh. / Die Ehre, so die Welt uns gibet, ist noch ver­gäng­licher als sie.“ Es singt Jan Van Elsacker be­glei­tet vom nor­we­gischen En­semble Bergen Barokk.
Seit 1721 war Tele­mann, den wir bereits in #157 kennen­gelernt haben, Musik­direktor der Stadt Ham­burg und musste als solcher jeder Woche zwei Kan­ta­ten und jähr­lich eine Passion kom­po­nieren. 1725/26 hat er dann 72 Kan­ta­ten in einer drei­bän­di­gen Samm­lung mit dem Titel Har­mo­ni­scher Gottes-Dienst ver­öffent­licht. Diese Samm­lung hat sich rasch in Deutsch­land ver­brei­tet, so dass die Musik Tele­manns für einige Jahr­zehnte regel­mäßig in den pro­testan­ti­schen Kir­chen zu hö­ren war.

 

Dass Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy (1809–1847) Kapell­meister des Gewand­haus­orches­ters in Leip­zig war, wis­sen wir schon, siehe #89. Als solcher hat er 1839 vom Rat der Verlags­stadt Leip­zig den Auf­trag er­hal­ten, an­läss­lich der Vier­hundert­jahr­feier der Buch­drucker­kunst ein sin­fo­ni­sches Werk mit Chor zu schrei­ben. Ganz in der Tra­di­tion Bachs, aber im roman­ti­schen Stil hat Mendels­sohn eine große sin­fo­ni­sche Kan­ta­te auf ver­schie­de­ne Texte der Bibel kom­po­niert, die die Über­win­dung der Dunkel­heit und die Hin­wen­dung zum gött­li­chen Licht the­ma­ti­sie­ren. Diese Kan­ta­te wurde heu­te vor 183 Jahren in einem Fest­konzert in der Thomas­kirche mit großem Er­folg ur­auf­ge­führt und war fort­an Men­dels­sohns popu­lärs­tes Werk. Wegen seiner lan­gen sin­fo­ni­schen Ein­lei­tung wurde das Werk nach seinem Tod fälsch­lich als Sin­fo­nie ein­ge­ord­net und als „ver­un­glück­te Imi­ta­tion der Neun­ten Sym­phonie“ Beet­hovens kriti­siert. Aber das ist ein Miss­ver­ständ­nis, das heu­te weit­gehend korri­giert ist.
Hören wir auf der heuti­gen Klassik­liste das herr­liche Duett „Ich harrete des Herrn“ aus Mendels­sohns „Lobgesang“ op. 52. Es singen Lucy Crowe und Jurgita Adamonyté, be­glei­tet vom Lon­don Sym­phony Orchester unter Lei­tung von Sir John Eliot Gar­di­ner. Auf der Ergänzungs­liste findet sich die gesamte Kan­ta­te (ohne sin­fo­ni­sche Ein­lei­tung) – sehr tröst­liche Musik, die auf­rich­ten und stär­ken kann, wenn es einem ein­mal schlecht geht.

Heu­te hö­ren wir auf der Klassik­liste die Arie „Freu­de, Freu­de über Freu­de“ aus der Oster­kan­ta­te „Der Sieg ist da“ GWV 1128/43 von Chris­toph Graup­ner. Es singt der Te­nor Se­bas­ti­an Hüb­ner, be­glei­tet vom Barock­orches­ter Pul­chra musi­ca unter Lei­tung von Chris­ti­an Bo­nath.
Chris­toph Graup­ner (1683–1760) wur­de im sächsi­schen Kirch­berg ge­bo­ren und an der Thomas­­schu­le in Leip­zig aus­ge­bil­det, wo er Ju­ra und dann Mu­sik bei den Thomas­kan­to­ren Schelle und Kuh­nau stu­dier­te. 1705 wurde er Cem­ba­list im Opern­orches­ter Ham­burg, be­vor er 1709 am Hof in Hessen-Darm­stadt eine An­stel­lung fand. Dort stieg er zwei Jahre spä­ter zum Hof­kapell­meis­ter auf, ein Amt, das er fast bis an sein Lebens­ende inne­hat­te. 1722 be­warb er sich auf Em­pfeh­lung Tele­manns, der selbst ab­ge­sagt hat­te, auf die Stel­le des Thomas­kan­tors in Leip­zig, aber sein Dienst­herr, der Land­graf von Hessen-Darm­stadt, ließ ihn nicht gehen. So muss­te man sich in Leip­zig mit der drit­ten Wahl zu­frie­den­ge­ben, die Stel­le er­hielt dann eben – Jo­hann Se­bas­ti­an Bach.
Graup­ner war mit ca. 2000 Wer­ken einer der pro­duk­tivs­ten Kom­po­nis­ten der Ge­schich­te: Er hinter­ließ acht Opern, über 1400 Kan­ta­ten, 113 Sin­fo­nien, 80 Orchester­suiten, 44 Solo­konzer­te, 30 Klavier­suiten und vie­les mehr. Durch ver­schie­de­ne Um­stän­de sind seine Wer­ke an­nähernd voll­stän­dig er­hal­ten – aber gleich­zei­tig zum größten Teil un­ver­öffent­licht.
Auf der Ergänzungs­liste ist die ge­sam­te Kan­ta­te zu hö­ren, die am Oster­sonntag 1743, heute vor 280 Jahren, auf­ge­führt wur­de.

Für den 1. Weih­nachts­feier­tag hat Jo­hann Sebas­ti­an Bach (1685–1750) in sei­nem Weih­nachts­­ora­to­ri­um BWV 248 die Kan­ta­te „Jauchzet, froh­locket, auf, prei­set die Tage“ vor­ge­sehen, die am 25. Dezem­ber 1734 unter seiner Lei­tung als Kan­tor der Thomas­kirche in Leip­zig ur­auf­ge­führt wur­de.
In ihrem Zen­trum steht die Ge­burt Jesu in der Dar­stel­lung von Lu­kas 2, 1–7. Hö­ren wir heu­te auf der Klassik­liste den be­rühm­ten pracht­vol­len Ein­gangs­chor mit Pauken und Trom­pe­ten, der der Kan­ta­te den Namen ge­geben hat. Es singt wie da­mals der Thomaner­chor Leip­zig, es spielt das Gewand­haus­­orches­ter in einer Live-Auf­nahme aus dem Dezem­ber 2018 unter Lei­tung von Gott­hold Schwarz, des 17. Thomas­kan­tors nach Bach.
Auf der Ergänzungs­liste gibt es die ge­samte Kan­ta­te, in der noch das Eingangs­rezi­ta­tiv „Es begab sich aber zu der Zeit“ mit den Worten des Evan­ge­li­ums in der Über­setzung von Mar­tin Luther, die Alt-Arie „Be­reite dich, Zion“ und die groß­artige Bass-Arie „Großer Herr, o star­ker König“ her­vor­­zu­heben sind.
Die Kan­ta­ten für den 2. und 3. Weih­nachts­feiertag wur­den be­reits in #30 und #83 vor­ge­stellt.

Heute fei­ert Rein­hard Goe­bel seinen 70. Geburts­tag. Als brillan­ter Gei­ger mach­te er sich früh mit der ba­rocken Spiel­weise ver­traut und wur­de zu einem der wichtigs­ten Weg­be­rei­ter der sog. his­to­ri­schen Auf­füh­rungs­praxis in Deutsch­land. 1973 hat er das En­sem­ble Musi­ca Anti­qua Köln ge­grün­det, mit dem er seine klang­lichen Vor­stel­lun­gen in zahl­rei­chen Auf­füh­run­gen und Auf­nah­men um­setz­te. Als er krank­heits­be­dingt nicht mehr Vio­line spie­len konn­te, lös­te sich das En­sem­ble 2006 auf. Seit­her wid­met er sich dem Di­ri­gie­ren und gibt seine Er­fah­run­gen als Pro­fes­sor für his­to­ri­sche Auf­füh­rungs­praxis am Mozar­teum in Salz­burg wei­ter.
Aus diesem An­lass und weil wir heu­te Hoch­zeits­tag haben, hören wir auf der Klassik­liste die Arie „Sich üben im Lieben“ aus Bachs Hoch­zeits­kan­ta­te „Weichet nur, be­trüb­te Schat­ten“ BWV 202. Der durch und durch ba­rocke Text lau­tet:

Sich üben im Lie­ben,
In Scher­zen sich her­zen
Ist besser als Flo­rens ver­gäng­liche Lust.
    Hier quel­len die Wel­len,
    Hier lachen und wachen
    Die sie­gen­den Pal­men auf Lippen und Brust.

Es singt die wunder­bare Chris­tine Schä­fer (geb. 1965), be­glei­tet von Mu­si­ca Anti­qua Köln unter Lei­tung von Rein­hard Goe­bel in einer Auf­nahme von 1999. Auf der Ergänzungs­liste fin­det sich die ge­sam­te Kan­ta­te.

Mehr als 200 Jah­re nach Johann Her­mann Schein hat ein wei­te­rer Kom­po­nist den 42. Psalm vertont, der mit dem herr­lichen Vers be­ginnt: „Wie der Hirsch schreit nach fri­schem Was­ser, / so schreit mei­ne See­le, Gott, zu Dir.“ Wie Schein lebte Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy (1809–47), den wir schon in #1416 kennen­ge­lernt ha­ben, da­mals in Lei­pzig. Er war aber nicht Thomas­kantor, sondern Kapell­meister des be­rühmten Gewand­haus­orchesters. 1837 hat er ge­hei­ra­tet und auf der Hoch­zeits­reise in den Vo­gesen und hier im Schwarz­wald die be­kannte Kan­tate „Wie der Hirsch schreit“ op. 42 auf den Text der Verse 2–6 aus Psalm 42 kom­po­niert.
Aber acht Gene­ra­tio­nen nach Schein waren Bach, Händel, Haydn, Mo­zart, Beet­hoven und Schu­bert ge­kom­men und ge­gan­gen. Gegen­über dem Früh­barock hat sich der musi­ka­li­sche Stil in der Ro­man­tik völ­lig ver­än­dert. Bei Mendels­sohn gibt es einen großen Chor und ein großes Sym­phonie­orchester mit Hör­nern, Trom­peten und Po­sau­nen, auch die musi­ka­lische Sprache und die Har­monik haben sich stark weiter­ent­wickelt.
Wie letzte Woche hören wir auf der Klassik­liste den Vers 6 aus Psalm 42, dies­mal als Schluss­chor aus Men­dels­sohns Kan­ta­te „Wie der Hirsch schreit“ op. 42. Es singt der Kammer­chor Stutt­gart be­glei­tet von der Deutschen Kammer­phil­har­mo­nie unter Lei­tung von Frie­der Ber­ni­us. Auf der Ergänzungs­liste findet sich die ge­sam­te Kan­ta­te.

Am 2. Weih­nachts­feier­tag wird die 2. Kan­ta­te des Weih­nachts­ora­to­ri­ums BWV 248 von Jo­hann Se­­bas­tian Bach (1685–1750) auf­ge­führt, in der der Engel den Hir­ten die Nach­richt von der Ge­burt Jesu über­bringt. Die Ein­leitung der Kan­ta­te mit dem Titel „Und es waren Hir­ten in der­selben Ge­gend“ bil­det die be­kann­te Hirten­sin­fo­nie mit Travers­flö­ten, Oboen d’amo­re und Oboen da caccia als „Hirten­instru­men­ten“. Höhe­punkt ist die Ver­kündi­gung des Engels: „Fürch­tet euch nicht. Siehe, ich ver­kün­di­ge euch große Freu­de, die al­lem Volk wider­fah­ren wird; denn euch ist heu­te der Hei­land ge­boren, wel­cher ist Chris­tus, der Herr, in der Stadt Davids“ (Lk 2, 10–11). Dann kommt die große Tenor-Arie „Frohe Hir­ten, eilt, ach eilet“ – sehr schwie­rig, aber wunder­schön! Später kommt noch die Alt-Arie „Schlafe, mein Liebs­ter, ge­nieße der Ruh’“ und der mit­reißen­de Chor „Ehre sei Gott in der Höhe“. Bei der Ur­auf­füh­rung 1734 war der 26.12. übri­gens wie heute ein Sonn­tag.
Wir hören auf der Klassik­liste die Tenor-Arie, 1965 ge­sungen von Fritz Wunder­lich – wie da­mals üb­lich in lang­samem Tem­po. Es begleitet das Münch­ner Bach-Orches­ter, Dirigent ist Karl Rich­ter. Auf der Ergänzungs­liste hören wir die ge­samte 2. Kan­ta­te in einer moder­nen Auf­nahme mit raschen Tempi unter Lei­tung von Jordi Sa­vall.

Als Johann Se­bas­tian Bach 1723 Kan­tor der Thomas­kirche in Leip­zig wurde, war er für die Musik in den vier Haupt­kir­chen der Stadt ver­ant­wort­lich. Seine wichtig­ste Auf­gabe war die Vor­be­rei­tung und Auf­füh­rung einer Kan­ta­te an jedem Sonn- und Feier­tag. Er muss­te also wöchent­lich eine Kan­ta­te kom­po­nie­ren, dazu Ora­to­ri­en, Passions­musi­ken und Auf­trags­werke. Zwei kom­plet­te Jahr­gän­ge von Kan­ta­ten sind noch er­hal­ten, eini­ges ist ver­mut­lich ver­lo­ren­ge­gan­gen. Bach hat sich auch da­mit be­hol­fen, dass er schon vor­han­de­ne Wer­ke um­ge­arbei­tet hat, in­dem Musik und Text ver­ändert und an­ge­passt wur­den. Das war da­mals üb­lich, der Fach­be­griff für dieses Ver­fahren heißt Paro­die.
Die 3. Kan­ta­te des Weihnachts­oratori­ums BWV 248 von Johann Sebas­tian Bach (1685–1750) ist für den 3. Weih­nachts­feiertag am 27.12. vor­ge­sehen. Die Weih­nachts­ge­schich­te wird da­rin mit der An­be­tung der Hir­ten ab­geschlos­sen. Herr­lich ist das inni­ge Duett von Sopran und Bass „Herr, Dein Mit­leid, Dein Er­bar­men“. Der Ein­gangs­chor „Herr­scher des Himmels, er­hö­re das Lal­len“ preist mit prächti­gem Trompeten­klang Gott den All­mächti­gen. Bach hat diesen Chor um­ge­arbei­tet, vor­her war es der Schluss­chor der welt­lichen Kan­ta­te „Tönet, ihr Pau­ken! Er­schal­let, Trom­pe­ten!“ BWV 214, die er ein Jahr zu­vor für Maria Jose­pha, der Kur­fürs­tin von Sachsen, zum Ge­burts­tag kom­po­niert hat.
Auf der Klassik­liste hören wir heute den Chor in der Fas­sung aus dem Weih­nachts­orato­ri­um, es singt die Gächin­ger Kan­to­rei, be­glei­tet vom Bach-Colle­gi­um Stutt­gart, in dem Tho­mas Geh­ring häu­fig mit­ge­spielt hat. Die Lei­tung hat der be­kann­te Stutt­gar­ter Diri­gent Hel­muth Ril­ling. Mei­ne Frau und ich, wir ha­ben die 1, 3. und 6. Kan­ta­te des Weih­nachts­orato­ri­ums wäh­rend des Stu­di­ums in mei­nem ehe­mali­gen Schul­chor in der Stifts­kirche Herren­berg ge­sungen – Anto­ni­us Dewes war Solo-Bassist, die Lei­tung hatte Annette Dewes.
Auf der Ergänzungs­liste ist die welt­liche Fas­sung des Chors unter dem Titel „Blühet, ihr Lin­den in Sachsen, wie Ze­dern“ in einer modernen, raschen Fassung zu finden.