Während A-cappella-Gesang heute eher ein Nischendasein führt, gab es eine Zeit, in denen er größte Bedeutung genoss: in der Renaissance, einer Epoche, die aufs Mittelalter folgt. Damals war Orlando di Lasso (1530/32–1594) der Star am europäischen Musikhimmel, ein genialer Musiker und Komponist, der durch Europa reiste, Musik in allen europäischen Sprachen und allen bekannten Stilen schrieb und ein riesiges und vielfältiges Werk hinterlassen hat: Hymnen, Motetten, Madrigale, Chansons, Lieder und vieles mehr. Seine Musik war die meistgedruckte der Zeit, über vier Jahrzehnte hinweg erschien in Europa durchschnittlich wöchentlich eine Ausgabe von ihm im Druck.
Ein Madrigal ist ein mehrstimmiges Vokalwerk weltlichen Inhalts. Von Orlando di Lasso gibt es ein faszinierendes Madrigal mit dem deutschen Titel „Hört zu ein news Gedicht“, mit dem auf witzige Weise zu einem „Nasentanz“ eingeladen wird. Offenbar gab es auf Dorffesten die lustige Attraktion, dass Menschen mit besonderen Nasen zusammen tanzten und die Träger der auffallendsten Riechorgane einen Preis bekamen. Ein solcher Nasentanz ist auf dem bekannten Holzschnitt von Hans Sebald Beham festgehalten.
Auf der Klassikliste sind die fantastischen King’s Singers zu hören, seit 50 Jahren weltweit das bekannteste und wohl beste A-cappella-Ensemble, mit einem sehr effektvollen Vortrag. Hier der Text dazu.
Auf der Ergänzungsliste ist das gleiche Lied zu hören, von den Singphonikern genauer und verständlicher gesungen, aber auch etwas braver. Und hier ein Video von ihnen.
Das Kunstlied „Der Lindenbaum“ ist erst durch eine Bearbeitung so bekannt und populär geworden. Friedrich Silcher (1789–1860), der erste Musikdirektor der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, hat für unzählige Lieder Chorsätze geschrieben, die zum Standardrepertoire vieler Gesangvereine und in den folgenden Generationen so zum Allgemeingut geworden sind, dass sie heute als „Volkslieder“ angesehen werden – obwohl es keine „Volksweisen“, sondern „künstlerische Schöpfungen“ sind. Daher gilt Silcher „als einer der wichtigsten Protagonisten des Chorgesangs“ (Wikipedia).
Beim Chorsatz „Am Brunnen vor dem Tore“ hat Silcher den Charakter des Volkstümlichen durch verschiedene Vereinfachungen erzielt, die aber auch als Nivellierung und „Eindimensionalisierung“ des Schubertschen Originals kritisiert wurden. Auf der Klassikliste hören wir Die Singphoniker, ein vielfach ausgezeichnetes Vokalensemble, das seit 1982 auf höchstem Niveau A-cappella-Musik aus acht Jahrhunderten singt – bis hin zu Pop-Musik.
Da gerade Vokalmusik wieder in ist – Bodo Wartke, Pentatonix, Wise Guys, Alte Bekannte –, habe ich von den Singphonikern ein paar Songs von Simon & Garfunkel und den Comedian Harmonists auf die Ergänzungsliste gestellt. Viel Vergnügen!
Franz Schubert (1797–1828) ist leider nur 31 Jahre alt geworden, er starb vermutlich an Typhus, einer Infektionskrankheit, die man damals Nervenfieber nannte. In seiner kurzen Lebenszeit hat er unglaublich viel komponiert. Weltbekannt sind seine Lieder, denn Schubert hat um die 600 Gedichte vertont – einen ganzen Kosmos menschlicher Empfindungen – und damit auf romantische Weise Lyrik und Musik verbunden. Diese Gattung wird Kunstlied und im Ausland sogar Lied genannt. Solche Lieder hat Schubert im Freundeskreis zur Unterhaltung vorgespielt und selbst gesungen.
Bestimmte Lieder hat Schubert in einem Liederzyklus zusammengefasst. Der bedeutendste davon ist die „Die Winterreise“, die aus 24 traurigen Lieder über den Winter, die Einsamkeit und den Tod besteht. Auf der Klassikliste hören wir heute daraus die Nr. 5 „Der Lindenbaum“ auf ein Gedicht von Wilhelm Müller (1794–1827) mit dem berühmten ersten Vers „Am Brunnen vor dem Tore“. Vor dem Hintergrund eines Lindenbaums setzt sich darin ein lyrisches Ich mit seiner Todessehnsucht auseinander. Dieses typisch romantische Gedicht sollte man im Deutschunterricht einmal behandelt haben.
Es singt Christian Gerhaher, der als bester Bariton der Gegenwart gilt, am Klavier begleitet Gerold Huber.
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