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Im angelsächsischen Raum wird häufig zum Jahreswechsel das bekannte schottische Lied „Auld Lang Syne“ gesungen, das der guten alten Zeiten und vor allem der Verstorbenen des zurückliegenden Jahres gedenkt, auf die man mit einem „cup o’ kindness“, „einem Becher Freundlichkeit“ anstößt.
Das Lied ist über 300 Jahre alt und wurde in der Zeit 1790–1820 auch auf dem Kontinent populär, vor allem durch eine Vertonung von Joseph Haydn. In der beginnenden Romantik waren schottische Volkslieder schwer in Mode, denn man verband Ursprünglichkeit, Volkstümlichkeit und Natürlichkeit mit ihnen. Zum „Mitternachtslied“ an Silvester wurde es aber erst hundert Jahre später: In New York spielte die kanadische Band Guy Lombardo & His Royal Canadians viele Jahre lang „Auld Lang Syne“ um Mitternacht in der legendären New Year’s Eve Party im New Yorker Roosevelt-Hotel, die landesweit im Radio übertragen wurde. Das wurde zur Tradition, und so spielt man genau diese Version noch heute zum Jahreswechsel in New York am Times Square.
Hören wir auf der Klassikliste „Auld Lang Syne“ in der etwas schnulzigen Fassung von Guy Lombardo & His Royal Canadians. Auf der Ergänzungsliste gibt es die klassische Vertonung von Joseph Haydn (1732–1809) aus der Zeit nach 1795. Und es gibt Hunderte von anderen Fassungen. Besonders hinweisen möchte ich hier auf den hörenswerten Silvester-Post des amerikanischen A-Cappella-Country-Quintetts Home Free. Die können singen!

Wir bei­ben bei Schu­bert, wechseln aber die Per­spek­tive: Heute vor 53 Jahren ist in den USA George Szell (1897–1970) ge­stor­ben, einer der un­be­strit­ten besten Diri­gen­ten des 20. Jahr­hunderts. Szell wurde in Buda­pest ge­bo­ren. Als seine Eltern nach Wien zo­gen, er­hielt er her­vor­ragen­den Klavier­­unter­richt, und schon als 10-Jähri­ger trat er mit einem Klavier­kon­zert von Mo­zart öffent­lich auf. Als Jugend­licher lei­te­te er be­reits Orches­ter, mit 18 Jahren wurde er Re­pe­ti­tor an der König­lichen Oper in Ber­lin, mit 20 Jahren er­hielt er eine An­stellung an der Oper in Straß­burg. Es folg­ten An­ge­bote aus der hal­ben Welt, und seine inter­natio­nale Karrie­re als Diri­gent nahm ihren Lauf. Ob­wohl seine jüdi­schen Eltern früh zum Katho­li­zi­smus kon­ver­tiert waren, schütz­te sie das nicht vor der Ver­fol­gung und letz­lich der Er­mor­dung durch die National­sozia­lis­ten. Grauen­haft! Szell emi­grier­te 1939 in die USA, wo er schon früher Gast­auf­trit­te ge­ge­ben hat­te. Nach dem Krieg wurde er 1946 Chef­diri­gent des Cleve­land Orches­tra, das er zu einem der besten Sinfonie­orches­ter der Welt form­te und mit dem er hervor­ragende Auf­nahmen ein­spiel­te. Manche da­von gel­ten noch heute als Referenz­auf­nahmen. Szell war Per­fek­tio­nist und for­der­te je­des De­tail von den Musi­kern mit großer Stren­ge ein. Dabei soll er über­ragen­de hand­werk­liche Fähig­kei­ten be­ses­sen ha­ben. Ein Zitat von ihm lau­tet: „Con­ductors must give un­mistakable and sug­ges­tive sig­nals to the orches­tra – not choreo­graphy to the audi­ence.“
Hören ihm zu Ehren auf der Klassik­liste ei­ne sei­ner letz­ten Auf­nahmen: das mit­reißende Scherzo aus der Großen Sin­fo­nie in C-Dur D 944 von Franz Schu­bert mit George Szell am Pult des Cleve­land Orches­tra. Wer Lust auf einen ge­pfleg­ten Klassik-Abend hat – nicht im Hinter­grund, sondern be­wusst ge­hört –, fin­det auf der Ergänzungs­liste die ge­samte Sin­fo­nie!

In der Roman­tik be­steht eine große Sehn­sucht nach einer har­mo­ni­schen Ver­eini­gung von Erde und Him­mel, Natur und Kunst, Ratio­nali­tät und Empfin­dung in einer ma­gi­schen All-Einheit. Es geht um die Ein­heit alles Leben­di­gen in Liebe und Poe­sie. Die Nacht und der Wald sind ty­pi­sche roman­tische Sehn­suchts­orte, und Johann Gabriel Seidl (1804–1875) feiert bei­de in seinem wunder­baren Ge­dicht „Nacht­gesang im Wal­de“ mit der Anfangsstrophe: „Sei uns stets ge­grüßt, o Nacht! / Aber doppelt hier im Wald, / Wo dein Aug’ verstohl­ner lacht, / Wo dein Fuß­tritt leiser hallt!“ In der genialen Ver­tonung von Franz Schu­bert (1797–1828) singt das ein Männer­quar­tett, das – pas­send zum „Hörner­getön“ – von einem Wald­horn­quartett be­glei­tet wird.
Auf der heutigen Klassik­liste hören wir den „Nacht­gesang im Wal­de“ D 913 von Franz Schu­bert aus dem Jahre 1827 in einer Auf­nahme der viel­fach aus­ge­zeich­ne­ten Came­rata Musi­ca Lim­burg unter Lei­tung von Jan Schu­macher. Herr­liche Musik – roman­ti­scher geht’s nicht!

 

Dass Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy (1809–1847) Kapell­meister des Gewand­haus­orches­ters in Leip­zig war, wis­sen wir schon, siehe #89. Als solcher hat er 1839 vom Rat der Verlags­stadt Leip­zig den Auf­trag er­hal­ten, an­läss­lich der Vier­hundert­jahr­feier der Buch­drucker­kunst ein sin­fo­ni­sches Werk mit Chor zu schrei­ben. Ganz in der Tra­di­tion Bachs, aber im roman­ti­schen Stil hat Mendels­sohn eine große sin­fo­ni­sche Kan­ta­te auf ver­schie­de­ne Texte der Bibel kom­po­niert, die die Über­win­dung der Dunkel­heit und die Hin­wen­dung zum gött­li­chen Licht the­ma­ti­sie­ren. Diese Kan­ta­te wurde heu­te vor 183 Jahren in einem Fest­konzert in der Thomas­kirche mit großem Er­folg ur­auf­ge­führt und war fort­an Men­dels­sohns popu­lärs­tes Werk. Wegen seiner lan­gen sin­fo­ni­schen Ein­lei­tung wurde das Werk nach seinem Tod fälsch­lich als Sin­fo­nie ein­ge­ord­net und als „ver­un­glück­te Imi­ta­tion der Neun­ten Sym­phonie“ Beet­hovens kriti­siert. Aber das ist ein Miss­ver­ständ­nis, das heu­te weit­gehend korri­giert ist.
Hören wir auf der heuti­gen Klassik­liste das herr­liche Duett „Ich harrete des Herrn“ aus Mendels­sohns „Lobgesang“ op. 52. Es singen Lucy Crowe und Jurgita Adamonyté, be­glei­tet vom Lon­don Sym­phony Orchester unter Lei­tung von Sir John Eliot Gar­di­ner. Auf der Ergänzungs­liste findet sich die gesamte Kan­ta­te (ohne sin­fo­ni­sche Ein­lei­tung) – sehr tröst­liche Musik, die auf­rich­ten und stär­ken kann, wenn es einem ein­mal schlecht geht.

Mehr als 200 Jah­re nach Johann Her­mann Schein hat ein wei­te­rer Kom­po­nist den 42. Psalm vertont, der mit dem herr­lichen Vers be­ginnt: „Wie der Hirsch schreit nach fri­schem Was­ser, / so schreit mei­ne See­le, Gott, zu Dir.“ Wie Schein lebte Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy (1809–47), den wir schon in #1416 kennen­ge­lernt ha­ben, da­mals in Lei­pzig. Er war aber nicht Thomas­kantor, sondern Kapell­meister des be­rühmten Gewand­haus­orchesters. 1837 hat er ge­hei­ra­tet und auf der Hoch­zeits­reise in den Vo­gesen und hier im Schwarz­wald die be­kannte Kan­tate „Wie der Hirsch schreit“ op. 42 auf den Text der Verse 2–6 aus Psalm 42 kom­po­niert.
Aber acht Gene­ra­tio­nen nach Schein waren Bach, Händel, Haydn, Mo­zart, Beet­hoven und Schu­bert ge­kom­men und ge­gan­gen. Gegen­über dem Früh­barock hat sich der musi­ka­li­sche Stil in der Ro­man­tik völ­lig ver­än­dert. Bei Mendels­sohn gibt es einen großen Chor und ein großes Sym­phonie­orchester mit Hör­nern, Trom­peten und Po­sau­nen, auch die musi­ka­lische Sprache und die Har­monik haben sich stark weiter­ent­wickelt.
Wie letzte Woche hören wir auf der Klassik­liste den Vers 6 aus Psalm 42, dies­mal als Schluss­chor aus Men­dels­sohns Kan­ta­te „Wie der Hirsch schreit“ op. 42. Es singt der Kammer­chor Stutt­gart be­glei­tet von der Deutschen Kammer­phil­har­mo­nie unter Lei­tung von Frie­der Ber­ni­us. Auf der Ergänzungs­liste findet sich die ge­sam­te Kan­ta­te.