Vor 200 Jahren hat der 25-jährige Franz Schubert (1797–1828) die ersten zwei Sätze einer Sinfonie komponiert, die Partitur dazu fein säuberlich notiert, Skizzen für den 3. Satz angefertigt – und dann aufgehört. Man nennt ein nicht fertiggestelltes Werk Fragment, vermutlich haben alle Dichter und Komponisten Fragmente hinterlassen. Es gibt viele Spekulationen darüber, aus welchen Gründen Schubert die Sinfonie nicht fertig komponiert haben könnte – wir werden es nie erfahren. Unklar ist auch, warum Schubert die Partitur einem Freund gegeben hat, der eine große „Geheimniskrämerei“ daraus gemacht und sie erst Jahrzehnte später herausgegeben hat (Steinbeck). So kam es, dass dieses Sinfonie-Fragment erst 1865, also 37 Jahre nach Schuberts Tod, in Wien uraufgeführt wurde, weshalb sie auch manchmal als 8. Sinfonie gezählt wird.
Zwar wird sie „Die Unvollendete“ genannt, aber sie ist ein wahres Meisterwerk der romantischen Sinfonik. Das seltene h-Moll gilt als Tonart der „stillen Erwartung des Schicksals und der Ergebung in die göttliche Fügung“, was zu Schuberts „Niedergeschlagenheit und seiner Sehnsucht nach Erlösung“ passt, über die er selbst in einer Erzählung geschrieben hat.
Hören wir heute auf der Klassikliste also den berühmten 1. Satz aus der Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759 von Franz Schubert mit dem bekannten Anfangsthema der Kontrabässe und Celli. Es spielt das Concertgebouworkest unter Leitung von Leonard Bernstein. Auf der Ergänzungsliste gibt es die gesamte Sinfonie.
Übrigens habe ich diesen Satz im Leistungskurs analysiert, vor 30 Jahren als TV-Aufführung live beim Staatsakt für Willy Brandt von den Berliner Philharmonikern unter Claudio Abbado im damaligen Reichstagsgebäude gehört, und heute spiele ich sie selbst mit dem örtlichen Jugendorchester als Aushilfe in der Posaune.
Gestern sind mir zwei Bearbeitungen desselben Stücks über den Weg gelaufen: Vormittags war im SWR2 Treffpunkt Klassik Extra der schweizerische Cellist Christian Poltéra (geb. 1977) zu Gast und hat seine Lieblingsmusik vorgestellt. Darunter war eine CD von seinem Lehrer Heinrich Schiff (1951–2016), auf dessen Stradivari-Cello er inzwischen spielt. Und abends haben die Berliner Philharmoniker in der Waldbühne ihr traditionelles Saison-Abschlusskonzert gegeben, wo der Pianist als Zugabe eine Klavierbearbeitung desselben Stücks gespielt hat. Die Cello-Version hat mir aber viel besser gefallen.
Es geht um das Stück Liebesleid von Fritz Kreisler (1875–1962), einem weltberühmten Geigenvirtuosen, der als Wunderkind galt und ein enormes Leben führte. Dieses Stückchen im Wiener Stil ist weltbekannt, und es gibt unzählige Bearbeitungen davon.
Hören wir auf der Klassikliste heute Liebesleid von Fritz Kreisler für Cello und Klavier, bearbeitet und wunderbar gespielt von Heinrich Schiff. Auf der Ergänzungsliste gibt es das Original, in einer alten Aufnahme ist Fritz Kreisler selbst zu hören, der wegen seines warmen, schmelzenden Geigentons bewundert wurde.
Schon 200 Jahre vor Debussy gibt bereits ein anderer französischer Komponist seinen „Klavierstücken“ fantasievolle Titel. François Couperin (1668–1733) war ein großer Organist und Cembalist zu Zeiten Ludwigs XIV. Er hat für den Hof des Sonnenkönigs geistliche Musik und Kammermusik komponiert und den Prinzessinnen und Prinzen Cembalounterricht erteilt. Seine bedeutendsten Werke sind seine 212 pièces de clavecin, die er in vier Büchern veröffentlicht hat. Er geht dabei über die typischen höfischen Tänze hinaus und entwickelt sie zu „Charakterstücken“ mit kunstvoller Melodik und Harmonik.
Im Mai hat die deutsche Pianistin Luisa Imorde (geb. 1989) eine neue CD mit Werken von Couperin herausgebracht. In ihrem Interview im aktuellen FONO FORUM hebt sie ein besonders „berührendes, zartes, ehrliches“ Stück hervor: „Les Bergeries“ (dt. Die Schafställe) in B-Dur mit seinen reichen Verzierungen und seiner Ruhe, besonders im Mittelteil. Hören wir auf der heutigen Klassikliste Lusia Imorde auf einem modernen Flügel, auf der Ergänzungsliste gibt es dasselbe Stück, von Frédérick Haas auf einem Cembalo von 1751 gespielt.
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