Beiträge

Der fran­zö­si­sche Kom­po­nist Paul Dukas (1865–1935) ist in erster Li­nie für ein ein­zi­ges Stück be­kannt, und das ist ein wahrer Genie­streich: die Ver­tonung von Goethes be­rühm­ter Bal­lade „Der Zauber­lehr­ling“, in der ein Lehr­ling – als der „alte Hexen­meister“ außer Hau­se ist – seine Zauber­künste er­probt und großes Un­heil an­rich­tet. Er be­fiehlt einem Be­sen, mit einem Ei­mer Was­ser zu ho­len, hat aber die For­mel ver­ges­sen, um den Vor­gang wie­der zu be­en­den. Selbst als er den Be­sen mit ei­nem Beil in zwei Stücke hackt, lau­fen „beide Teile“ fort und ho­len Was­ser. Dukas’ „L’Apprenti sorcier“ ist ein feu­ri­ges Ge­mälde von Klang­farben und gilt als Meister­werk der Or­ches­trie­rung. Man hört, wie die Besen auf­stehen, wie das Was­ser „im Saal und auf den Stu­fen“ läuft und wie der Meister zurück­kehrt und dem Be­sen Ein­halt ge­bie­tet. Auch wenn das Werk oft als Orchester­scherzo be­zeich­net wird, ist es eine sin­fo­ni­sche Dich­tung. Ich habe es im Leistungs­kurs Musik als Muster­beispiel für Pro­gramm­musik kennen­ge­lernt.
Paul Dukas hat wie viele andere am Pariser Kon­ser­va­to­rium stu­diert und war später dort selbst Pro­fes­sor für Kom­po­si­tion. Er hat lei­der viele seiner Werke ver­nich­tet, wenn er mit ihnen nicht zu­frie­den war – so­gar eine ganze Sin­fonie –, so dass die Zahl der über­lie­fer­ten Wer­ke ge­ring ist. Heute jährt sich Dukas’ Ge­burts­tag zum 158. Male.
Hören wir ihm zu Ehren auf der Klassik­liste seinen „Zauber­lehr­ling“. Es spie­len die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker unter Lei­tung James Levine.

Heute wäre Jo­han­nes Brahms (1833–1897) 190 Jahre alt ge­wor­den. Aus diesem An­lass hören wir auf der Klassik­liste aus sei­ner hei­te­ren Sin­fo­nie Nr. 2 D-Dur op. 73 den wunder­baren 3. Satz Alle­gret­to gra­zio­so. Es spie­len die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker unter Lei­tung von Clau­dio Abba­do. Bei der Ur­auf­füh­rung 1877 war das Publi­kum in Wien so be­geis­tert, dass die­ser Satz so­gar wieder­holt wer­den muss­te. Brahms schrieb an sei­nen Ver­le­ger: „Das Or­ches­ter hier hat mit einer Wol­lust ge­übt und ge­spielt und mich ge­lobt, wie es mir noch nicht pas­siert ist!“
Der Musik­kri­ti­ker Edu­ard Hans­lick (1825–1904) schrieb: „Brahms’ neue Sym­pho­nie leuch­tet in ge­­sun­der Fri­sche und Klar­heit; […] Allent­halten zeigt sie neue Ge­danken und doch nir­gends die lei­di­ge Ten­denz, Neues im Sinne von Un­er­hör­tem her­vor­bringen zu wol­len. […] Als ein un­be­sieg­barer Be­weis steht dies Werk da, daß man (frei­lich nicht jeder­mann) nach Beet­hoven noch Sym­pho­nien schrei­ben kann […].“ Im „Musik­streit des 19. Jahr­hun­derts“ war das die Posi­tion der so­ge­nann­ten Brahm­si­aner, die mein­ten, dass Musik kei­nes außer­musika­li­schen Pro­gramms be­dür­fe, son­dern als ab­so­lu­te Mu­sik für sich ste­he. Richard Wag­ner und die Wag­ne­ria­ner hiel­ten das für eine Fehl­ent­wick­lung, sie sahen die Zu­kunft im Musik­drama mit einem außer­musi­ka­li­schen Pro­gramm. Wagner kri­ti­sier­te an Brahms eine „ge­wisse zähe Me­lo­dik“ und läs­ter­te über „klein­li­ches Melo­dien-Häcksel“. Über die­se Kontro­ver­se kön­nen wir heu­te nur irri­tiert die Stirn run­zeln.
Auf der Ergänzungs­liste gibt es wie immer die ge­samte Sin­fo­nie, die meine Frau 1988/89 in ihrem ersten Se­mes­ter in der Stu­denten­phil­har­mo­nie ge­spielt hat – und unse­re Toch­ter ge­nau 30 Jahre spä­ter.

Ich kann mich noch genau da­ran er­in­nern, wie wir im Musik­unter­richt das Stück Paci­fic 231 von Arthur Honeg­ger durch­nahmen. Es war ein Bei­spiel für Pro­gramm­musik, bei der mit Mit­teln der Ton­ma­le­rei ein außer­mu­si­ka­li­sches Pro­gramm oder eine Idee dar­ge­stellt wird. Oft­mals wird durch Über­schrif­ten, Titel und bei­ge­füg­te Tex­te der In­halt ge­nauer be­schrie­ben. Pro­gramm­musik kam im Barock auf, wo wir sie bei den Vier Jahres­zeiten kennen­ge­lernt haben, denen Vi­val­di je­weils Ge­dichte voran­ge­stellt hat, siehe #32. Paci­fic 231 war ein be­stimm­ter Typ von Dampf­loko­mo­ti­ven, die zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts in den USA und Europa ver­brei­tet wa­ren. Der Kom­po­nist stellt in seinem sym­pho­ni­schen Satz Nr. 1 eine Fahrt mit dieser Lo­ko­mo­tive dar, vom Still­stand über das An­fah­ren, die Be­schleu­ni­gung bis hin zum Brem­sen und An­hal­ten.
Arthur Honeg­ger (1892–1955) wurde in Frank­reich geboren, seine Eltern stamm­ten aus Zü­rich. Er stu­dier­te am Kon­ser­va­to­rium in Pa­ris, wo er bis zu seinem Lebens­ende leb­te. Er kom­po­nier­te etwa 200 Werke aus fast allen Gat­tun­gen.
Auf der Klassik­liste hö­ren wir heu­te also Paci­fic 231, das heute vor 98 Jah­ren in der Pari­ser Oper ur­auf­ge­führt wur­de. Es spielt das Or­ches­tre na­tio­nal de Capi­tole du Tou­louse un­ter Lei­tung von Mi­chel Plas­son. Auf der Ergänzungs­liste gibt es das Werk in einer Be­ar­bei­tung des Kom­po­nis­ten für zwei Kla­vie­re, die mir sehr gut ge­fällt. Es spielt das Duo Eve­linde Trenk­ner (1933–2021) und Son­traud Spei­del (geb. 1944), letz­te­re ist übi­gens Kla­vier­pro­fes­so­rin in Karls­ruhe.