Dieses Lied aus der Renaissance, über 500 Jahre alt, ist mir im Tiefsten vertraut, denn ich habe es oft im Schulchor gesungen. Es handelt sich um das Abschiedslied eines fahrenden Sängers an seine Geliebte („Buhle“), der Innsbruck verlassen und in ein benachbartes Gebiet reisen muss, also ins damals höchst unsichere Ausland (altdeutsch „Elend“), wobei er der Geliebten in der 3. Strophe bis zur Rückkehr „stet trew“ verspricht. Das lyrische Ich könnte der Komponist selbst sein, der als Sänger und Komponist mehrmals am Hof ins Innsbruck angestellt war.
Hören wir auf der Klassikliste das großartige Leipziger Quintett Amarcord mit dem Madrigal „Innsbruck, ich muß dich lassen“ des großen Renaissance-Komponisten Heinrich Isaac (1450–1517), der heute vor 506 Jahren gestorben ist. Der helle, leicht raue Klang mit einem Countertenor entspricht dem Klangideal der Renaissance. Wir haben das Lied damals in einem großen gemischten Chor gesungen, und das hat natürlich ganz anders geklungen. Egal wie – man sollte dieses Madrigal einmal im Leben gesungen haben.
Auf der Ergänzungsliste finden sich weitere Madrigale von dieser fantastischen CD, die wir damals gesungen haben, zum Beispiel „Now is the month of Maying“ oder den herrlichen Contrapunto bestiale.
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Wir kennen die Musik meist „nur“ bis Bach – aber was war davor? Heute vor 436 Jahren wurde Johann Hermann Schein (1586–1630) geboren, ein bedeutender Komponist des Frühbarock. Zusammen mit den befreundeten Samuel Scheidt (1587–1654) und Heinrich Schütz (1585–1672) zählt er zu den „drei großen Sch“, die ungefähr 100 Jahre vor Bach und Händel die Musik in Mitteldeutschland bestimmt und die musikalischen Grundlagen für die bekannten Meister des Spätbarock gelegt haben. Schein war der 5. Thomaskantor vor Bach, und bereits er musste als Lehrer, Kantor und Musikdirektor der Thomasschule für die Musik in der Nikolaikirche und Thomaskirche in Leipzig sorgen. Seine Tätigkeit setzte ihm gesundheitlich zu, er hatte ein Lungenleiden und starb schon mit 44 Jahren. Da hatte er selbst bereits seine Frau und sieben Kinder verloren.
Schein hat verschiedene Sammlungen von Motetten und Madrigalen veröffentlicht. In der Sammlung „Israels Brünnlein“ von 1623 mit 26 „geistlichen Madrigalen“ auf Texte des Alten Testaments strebt Schein eine Verbindung der deutsch-niederländischen Motettentradition und der italienischen Madrigalkunst an.
Hören wir auf der heutigen Klassikliste daraus die Nr. 24, das Madrigal „Was betrübst du dich, meine Seele?“ Grundlage ist Psalm 42, Vers 6: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott! denn ich werde ihm noch danken, dass er mir hilft mit seinem Angesicht.“ Es singt Cantus Cölln unter Leitung des Lautenisten Konrad Junghänel. Der sensationelle Bass stammt von Stephan Schreckenberger, den ich auch schon „live“ gehört habe.
Während A-cappella-Gesang heute eher ein Nischendasein führt, gab es eine Zeit, in denen er größte Bedeutung genoss: in der Renaissance, einer Epoche, die aufs Mittelalter folgt. Damals war Orlando di Lasso (1530/32–1594) der Star am europäischen Musikhimmel, ein genialer Musiker und Komponist, der durch Europa reiste, Musik in allen europäischen Sprachen und allen bekannten Stilen schrieb und ein riesiges und vielfältiges Werk hinterlassen hat: Hymnen, Motetten, Madrigale, Chansons, Lieder und vieles mehr. Seine Musik war die meistgedruckte der Zeit, über vier Jahrzehnte hinweg erschien in Europa durchschnittlich wöchentlich eine Ausgabe von ihm im Druck.
Ein Madrigal ist ein mehrstimmiges Vokalwerk weltlichen Inhalts. Von Orlando di Lasso gibt es ein faszinierendes Madrigal mit dem deutschen Titel „Hört zu ein news Gedicht“, mit dem auf witzige Weise zu einem „Nasentanz“ eingeladen wird. Offenbar gab es auf Dorffesten die lustige Attraktion, dass Menschen mit besonderen Nasen zusammen tanzten und die Träger der auffallendsten Riechorgane einen Preis bekamen. Ein solcher Nasentanz ist auf dem bekannten Holzschnitt von Hans Sebald Beham festgehalten.
Auf der Klassikliste sind die fantastischen King’s Singers zu hören, seit 50 Jahren weltweit das bekannteste und wohl beste A-cappella-Ensemble, mit einem sehr effektvollen Vortrag. Hier der Text dazu.
Auf der Ergänzungsliste ist das gleiche Lied zu hören, von den Singphonikern genauer und verständlicher gesungen, aber auch etwas braver. Und hier ein Video von ihnen.
