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Heute vor 32 Jahren bin ich nach­mittags zum Vor­spie­len nach Tübingen ge­fah­ren. Als Schüler der 13. Klasse stand ich vor der münd­lichen Abitur­prü­fung, aber mein Musik­lehrer war der Grün­dungs­­diri­gent der Stud­Phil und wuss­te, dass für die ge­plan­te Konzert­reise nach Ita­li­en noch ein Po­sau­nist ge­sucht wur­de. So stand ich nun um 18:00 Uhr vor der 1. Probe der Stu­den­ten­phil­har­mo­nie Tü­bin­gen im Sommer­semes­ter 1990 in­mit­ten all der Stu­den­ten, und die Po­sau­nis­ten schick­ten mich nach vorn, die Noten zu ho­len. Die Noten­war­tin frag­te mich nach mei­nem Na­men, ein Ge­spräch ent­wickel­te sich – da nahm das Schick­sal sei­nen Lauf. Wir wuss­ten noch nicht, dass wir neun Jah­re spä­ter hei­ra­ten wür­den und auf den Tag ge­nau zehn Jahre spä­ter unse­re ers­te Toch­ter auf die Welt kom­men wür­de.
Auf dem Pro­gramm stand da­mals unter ande­rem die Sin­fo­nie Nr. 4 d-Moll op. 120 von Ro­bert Schu­mann (1810–1856), ein etwas düste­res Werk der deut­schen Ro­man­tik. Im 4. Satz gibt es eine lang­same Ein­lei­tung, in der die Po­sau­nen­grup­pe ein geheim­nis­vol­les Solo hat, bei dem es einem „eis­kalt den Rücken runter läuft“, wie der Diri­gent ein­mal sag­te. Es ist die Über­lei­tung zum aus­gelas­se­nen und gerade­zu er­lösten Fina­le in D-Dur.
Auf der Klassik­liste hö­ren wir die­sen 4. Satz, es spielt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Lei­tung von Gün­ter Wand. Auf der Ergänzungs­liste gibt es die ge­samte Sin­fo­nie – ein Meister­werk von Ro­bert Schu­mann, das er 1841 zum Geburts­tag seiner Frau Clara kom­po­niert hat.

Wenn ich an „Mai“ denke, kommt mir zuerst das Lied „Im wunder­schönen Mo­nat Mai“ von Ro­bert Schu­mann (1810–1856) in den Sinn, das be­sonders zu dem strah­lenden Wet­ter heute passt. Das Liebes­lied von Hein­rich Heine (1797–1856) be­steht nur aus zwei schlich­ten Strophen:

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

Wäh­rend die Aus­sage des Tex­tes klar wirkt, wird sie in Schu­manns höchst kunst­voller Ver­tonung an­dauernd hinter­fragt. Schon vor dem ersten Takt platzt ein vor­ge­halte­nes cis zu früh herein, und in der ge­samten Klavier­beglei­tung schwankt die Ton­art ohne har­monische Be­stäti­gung per­manent zwi­schen fis-Moll und A-Dur – um im letz­ten Takt auf einem Cis-Dur-Dominant­septim­akkord ohne Auf­lösung stehen zu bleiben. Es bleibt bei der Sehn­sucht.
Dieses Lied macht den Auf­takt zum be­rühmten Lieder­zyklus Dichter­liebe op. 48 aus 16 Liedern über un­er­füllte Liebes­sehn­sucht. Die Dichter­liebe war übri­gens Schwer­punkt­thema in meinem ei­ge­nen Musik-Leistungs­kurs, in dem ich mich 1988–90 inten­siv mit ihr be­schäf­tigt habe.
Auf der Klassik­liste hören wir Fritz Wunder­lich (1931–1963), den viele wegen seiner Musi­kali­tät und seiner schö­nen Stimme für den größten Tenor des 20. Jahr­hunderts hal­ten. Er hat alles ge­sungen – Oper, Ope­ret­te, Lieder, popu­läre und geist­liche Musik – und immer mit einer tie­fen Empfin­dung. Im Zug konnte es passieren, dass er auf­stand und zur Freude aller popu­läre Lieder sang – ein wahrhaft be­gna­de­ter Musi­kant, von dem wir noch eini­ges hören wer­den.
Auf der Ergänzungs­liste finden sich die ers­ten fünf Lieder der Dichter­liebe.