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1879 ver­öffent­lich­te Jo­han­nes Brahms (1833–97) eine Motette, die er als „kleine Ab­hand­lung über das große ‚Warum‘“ be­zeich­ne­te und die häu­fig am Toten­sonn­tag ge­sungen wird. Wie be­reits im Deutschen Requiem, siehe #98, hat Brahms ver­schie­de­ne Texte aus dem Alten und Neuen Testa­ment zusammen­ge­stellt: aus dem Buch Hiob, den Klage­liedern und dem Brief des Jako­bus. Den Ab­schluss bild­et ein Cho­ral von Mar­tin Luther. Wie im Requiem fehlt auch hier be­wusst jeg­licher Ver­weis auf Jesus Chris­tus, und es bleibt eine offene Fra­ge, wie für Brahms die Ant­wort auf das ein­drück­liche, mehr­fach ex­po­nier­te ‚Warum‘ lautet.
Hören wir heute auf der Klassik­liste die Mo­tette „Warum ist das Licht ge­ge­ben dem Müh­se­li­gen?“ op. 74 Nr. 1 von Johannes Brahms. Es singt der in Mann­heim an­sässige Chamber Choir of Europe unter Lei­tung von Nicol Matt (geb. 1970), der aus dem Schwarz­wald stammt und u. a. in Stutt­gart stu­diert hat. Den Text der vier­teiligen Mo­tette find­et sich hier.

Heute vor 154 Jahren war Kar­frei­tag. Im Bremer Dom lei­te­te Jo­hannes Brahms am 10. April 1868 die Ur­auf­füh­rung eines Werks, an dem er über sieben Jahre hin­weg ge­arbei­tet hatte: 1861 stell­te er Text­stel­len aus der Bibel in der Über­setzung Mar­tin Luthers zu­sam­men, die er da­rauf in mehre­ren Pha­sen ver­ton­te. So ent­stand Ein deutsches Requiem nach Wor­ten der Heili­gen Schrift für Sopran- und Bariton-Solo, Chor und Orches­ter op. 45. Es ist ein Werk im pro­tes­tan­ti­schen Geist, in dem der Trost der Hinter­blie­be­nen im Mittel­punkt steht. Ur­sprüng­lich ist ein Requiem eine katho­li­sche Toten­messe in latei­ni­scher Sprache für die ver­stor­be­nen See­len, siehe #80. In­so­fern zählt Brahms’ Werk we­ni­ger zur Gattung Re­quiem als viel­mehr zur evan­ge­li­schen Motte­te.
Die Auf­führung in Bremen ge­riet „zu einem über­wälti­gen­den Triumph. Mehr als zwei­tausend Zu­hörer waren an­we­send, da­runter viele der be­deu­tend­sten Köpfe des deutschen Musik­lebens“ (Martin Ennis). Damit ge­lang dem 35-jährigen Johannes Brahms (1833–97) schlag­artig der Durch­­bruch. Seine Freun­din Clara Schu­mann (1819–96) schrieb ihm, „daß ich ganz und gar er­füllt bin von Deinem Requiem, es ist ein ganz ge­waltiges Stück, er­greift den gan­zen Menschen in einer Weise wie wenig an­de­res.“ Und der Musik­kritiker Edu­ard Hans­lick schrieb: „Seit Bachs h-Moll-Messe und Beet­hovens Missa solem­nis ist nichts ge­schrieben wor­den, was auf die­sem Ge­biete sich neben Brahms’ deutsches Requiem zu stellen ver­mag.“
Hören wir auf der Klassik­liste den 2. Satz in b-Moll: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“. Es singt der Monte­verdi Choir in Be­glei­tung des Orchestre Révo­lu­tion­naire et Roman­tique unter Lei­tung von John Eliot Gardiner. Auf der Ergänzungs­liste ist das ge­wal­ti­ge Werk voll­stän­dig zu hören.

Wir kennen die Musik meist „nur“ bis Bach – aber was war da­vor? Heute vor 436 Jahren wurde Jo­hann Her­mann Schein (1586–1630) ge­bo­ren, ein be­deu­ten­der Kom­po­nist des Früh­barock. Zu­sam­men mit den be­freun­de­ten Sa­muel Scheidt (1587–1654) und Hein­rich Schütz (1585–1672) zählt er zu den „drei großen Sch“, die un­ge­fähr 100 Jahre vor Bach und Händel die Musik in Mittel­­deutsch­land be­stimmt und die musi­ka­li­schen Grund­lagen für die be­kann­ten Meis­ter des Spät­barock ge­legt ha­ben. Schein war der 5. Thomas­kantor vor Bach, und be­reits er muss­te als Lehrer, Kan­tor und Musik­direk­tor der Thomas­schule für die Musik in der Nikolai­kirche und Thomas­kirche in Leip­zig sor­gen. Seine Tätig­keit setz­te ihm gesund­heit­lich zu, er hat­te ein Lungen­lei­den und starb schon mit 44 Jahren. Da hat­te er selbst be­reits sei­ne Frau und sie­ben Kin­der ver­loren.
Schein hat ver­schie­de­ne Samm­lun­gen von Motet­ten und Madri­ga­len ver­öffent­licht. In der Samm­lung „Israels Brünn­lein“ von 1623 mit 26 „geist­lichen Madri­ga­len“ auf Texte des Alten Testa­ments strebt Schein eine Ver­bin­dung der deutsch-nieder­ländischen Motetten­tradition und der italie­ni­schen Madrigal­kunst an.
Hören wir auf der heu­ti­gen Klassik­liste daraus die Nr. 24, das Madrigal „Was be­trübst du dich, meine Seele?“ Grund­lage ist Psalm 42, Vers 6: „Was be­trübst du dich, meine Seele, und bist so un­ruhig in mir? Harre auf Gott! denn ich werde ihm noch danken, dass er mir hilft mit seinem An­gesicht.“ Es singt Cantus Cölln unter Lei­tung des Laute­nis­ten Kon­rad Jung­hänel. Der sensa­tio­nel­le Bass stammt von Stephan Schrecken­­ber­ger, den ich auch schon „live“ ge­hört ha­be.