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Heute vor 190 Jahren ist Carl Fried­rich Zel­ter (1758–1832) in Ber­lin ge­stor­ben. Zel­ter war da­mals, was wir heu­te Musik­mana­ger nen­nen wür­den: Musi­ker, Pro­fes­sor, Musik­päd­ago­ge, Kom­po­nist, Kon­zert­ver­anstal­ter und Diri­gent. Er hat als Di­rek­tor die Sing-Aka­de­mie zu Ber­lin ge­lei­tet, einen großen ge­misch­ten Chor, ließ ein Kon­zert­haus für sie bauen, hat eine Or­ches­ter-Schule und die Lieder­tafel ge­grün­det, den welt­weit ers­ten Männer­chor, und war Leh­rer von Fanny und Felix Mendels­sohn Bar­thol­dy. Er hat Sin­fo­nien, Kan­ta­ten, Motet­ten, Chor­musi­ken und Lie­der kom­po­niert, wo­von aus­ge­rech­net „Der Kuckuck und der Esel“ sein be­kann­tes­tes sein dürf­te.

1802 lernte er in Wei­mar Johann Wolf­gang von Goethe ken­nen. Sie wur­den im Lau­fe der Zeit enge Freun­de, be­such­ten einan­der und wechsel­ten in 30 Jahren über 900 Brie­fe. Goethe schick­te ihm man­che seiner Ge­dich­te, Zel­ter ver­ton­te sie, und Goethe fand da­rin den Cha­rak­ter sei­ner Ge­dich­te ge­nau ge­trof­fen – an­ders als bei den Ver­to­nun­gen Schu­berts, die er ab­lehn­te. Nach einem schwe­ren Schick­sals­schlag bot ihm Goethe sogar das Du an. Als Goethe starb, war auch Zel­ters Lebens­wil­le da­hin, er starb nur we­ni­ge Wo­chen nach seinem Freund.

Hören wir auf der heu­ti­gen Klassik­liste das Frühlings­lied „Gleich und gleich“ von Goethe in der Ver­to­nung von Carl Fried­rich Zel­ter. Der Text soll die gött­li­che Har­mo­nie in der Natur aus­drücken und ab­sicht­lich naiv wir­ken:

Ein Blumenglöckchen
vom Boden hervor
war früh gesprosset
in lieblichem Flor;

Da kam ein Bienchen
und naschte fein: –
die müssen wohl beide
füreinander sein.

Dietrich Fischer-Dieskau singt dieses kurze Lied wahr­haft meister­lich, am Hammer­flügel be­glei­tet von Ari­bert Rei­mann.

Wenn ich an „Mai“ denke, kommt mir zuerst das Lied „Im wunder­schönen Mo­nat Mai“ von Ro­bert Schu­mann (1810–1856) in den Sinn, das be­sonders zu dem strah­lenden Wet­ter heute passt. Das Liebes­lied von Hein­rich Heine (1797–1856) be­steht nur aus zwei schlich­ten Strophen:

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

Wäh­rend die Aus­sage des Tex­tes klar wirkt, wird sie in Schu­manns höchst kunst­voller Ver­tonung an­dauernd hinter­fragt. Schon vor dem ersten Takt platzt ein vor­ge­halte­nes cis zu früh herein, und in der ge­samten Klavier­beglei­tung schwankt die Ton­art ohne har­monische Be­stäti­gung per­manent zwi­schen fis-Moll und A-Dur – um im letz­ten Takt auf einem Cis-Dur-Dominant­septim­akkord ohne Auf­lösung stehen zu bleiben. Es bleibt bei der Sehn­sucht.
Dieses Lied macht den Auf­takt zum be­rühmten Lieder­zyklus Dichter­liebe op. 48 aus 16 Liedern über un­er­füllte Liebes­sehn­sucht. Die Dichter­liebe war übri­gens Schwer­punkt­thema in meinem ei­ge­nen Musik-Leistungs­kurs, in dem ich mich 1988–90 inten­siv mit ihr be­schäf­tigt habe.
Auf der Klassik­liste hören wir Fritz Wunder­lich (1931–1963), den viele wegen seiner Musi­kali­tät und seiner schö­nen Stimme für den größten Tenor des 20. Jahr­hunderts hal­ten. Er hat alles ge­sungen – Oper, Ope­ret­te, Lieder, popu­läre und geist­liche Musik – und immer mit einer tie­fen Empfin­dung. Im Zug konnte es passieren, dass er auf­stand und zur Freude aller popu­läre Lieder sang – ein wahrhaft be­gna­de­ter Musi­kant, von dem wir noch eini­ges hören wer­den.
Auf der Ergänzungs­liste finden sich die ers­ten fünf Lieder der Dichter­liebe.

Heute gibt es eine wahre Rari­tät auf der Klassik­liste: Elisa­beth Schwarz­kopf (1913–2006), eine deutsch-briti­sche Opern- und Lied­sängerin, zählt zu den bedeu­tend­sten So­pra­nis­tin­nen des 20. Jahr­hundert. Ich habe sie Ende der 90er Jahre ein­mal in Stutt­gart bei einem Meister­kurs erlebt, wo sie als hoch­betagte Frau auf der Bühne jungen Sänge­rin­nen Unter­richt gab. Es war be­ein­druckend, wie prä­sent sie war und wie be­wusst und klar sie die klein­sten De­tails der Ge­sangs­technik und des musika­li­schen Aus­drucks ver­mitteln kon­nte – eine große Meiste­rin des Ge­sangs.
Wir hör­en eine ur­alte Auf­nahme aus dem Jahre 1955, die 2001 digi­tal remastered wur­de und da­her so frisch klingt, als ob die Schwarz­kopf heute vor uns stün­de. Wie kann man nur so schön singen! Am Kla­vier be­gleitet der deutsche Pia­nist Wal­ter Giese­king (1895–1956), ein Mozart-Sezia­list. Wir hören heute natür­lich das Lied „Komm, lieber Mai, und mache“ KV 596 von Wolf­gang Amadé Mozart, das dieser un­be­greif­lich musika­lische Mensch am Ende seines kur­zen Lebens so schlicht und be­rüh­rend in Töne ge­setzt hat.
Auf der Ergänzungs­liste sind zwei wei­te­re Lieder von Mozart zu finden, die ich wäh­rend mei­nes Gesang­unter­richts bei Andrea Boesen selbst ge­sungen habe.