Hören wir an seinem heutigen Geburtstag Joseph Haydn (1732–1809) mit einer Messe, deren Titel nicht passender für unsere Zeit sein könnte: Missa in tempore belli C-Dur Hob. XXII:9. Haydn hat sie 1796 komponiert, als Napoléon Bonaparte – auch er ein grausamer Tyrann – mit seinem französischen Heer vor Wien stand. Im Schlussteil der Messe mit dem Text Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis (dt. Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.) tritt die Pauke hervor und spielt ein verlangsamtes Abbild des französischen Armeepaukenwirbels, weshalb die Messe auch Paukenmesse genannt wird. Und es ist sehr ergreifend, wenn unmittelbar auf den kriegerischen Paukenwirbel die Friedensbitte, also das Dona nobis pacem (dt. Gib uns Deinen Frieden.) folgt. Was ist gegenwärtig nötiger als dies?
Hören wir also auf der heutigen Klassikliste das Agnus Dei aus der Paukenmesse von Joesph Haydn. Unter der Leitung von Hilary Davan Wetton singt der City of London Choir, begleitet vom Royal Philharmonia Orchestra.
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Während Bruckners und Mahlers Sinfonien am Ende der Entwicklung dieser großen orchestralen Gattung stehen, gilt Joseph Haydn (1732–1809) als Schöpfer der klassischen Sinfonie. Seit einigen Jahren arbeiten verschiedene Orchester und Dirigenten daran, rechtzeitig zum 300. Geburtstag eine Gesamteinspielung aller über 100 Sinfonien Haydns vorlegen zu können. So haben die Heidelberger Sinfoniker gerade im Januar wieder vier CDs mit 15 weiteren Sinfonien herausgebracht.
Es ist höchst interessant zu hören, dass Haydn in den 1750er und 1760er Jahren sehr oft mit formalen, harmonischen und klanglichen Möglichkeiten experimentiert und so über die Jahre zu der Meisterschaft gefunden hat, die seine Londoner Sinfonien 40 Jahre später manifestieren. Hören wir heute auf der Klassikliste den 1. Satz aus der Sinfonie Nr. 72 D-Dur aus dem Jahr 1763, wo die Hörner gleich zu Beginn so herrlich trillern dürfen. Es spielen die Heidelberger Sinfoniker unter Leitung von Johannes Klumpp. (Sie ist eine eher frühe Sinfonie, denn man beachte, dass die Nummerierung der Sinfonien Haydns nur wenig mit der Reihenfolge ihrer Entstehung zu tun hat.) Auf der Ergänzungsliste findet man wieder die gesamte Sinfonie.
Im angelsächsischen Raum wird häufig zum Jahreswechsel das bekannte schottische Lied „Auld Lang Syne“ gesungen, das der guten alten Zeiten und vor allem der Verstorbenen des zurückliegenden Jahres gedenkt, auf die man mit einem „cup o’ kindness“, „einem Becher Freundlichkeit“ anstößt.
Das Lied ist über 300 Jahre alt und wurde in der Zeit 1790–1820 auch auf dem Kontinent populär, vor allem durch eine Vertonung von Joseph Haydn. In der beginnenden Romantik waren schottische Volkslieder schwer in Mode, denn man verband Ursprünglichkeit, Volkstümlichkeit und Natürlichkeit mit ihnen. Zum „Mitternachtslied“ an Silvester wurde es aber erst hundert Jahre später: In New York spielte die kanadische Band Guy Lombardo & His Royal Canadians viele Jahre lang „Auld Lang Syne“ um Mitternacht in der legendären New Year’s Eve Party im New Yorker Roosevelt-Hotel, die landesweit im Radio übertragen wurde. Das wurde zur Tradition, und so spielt man genau diese Version noch heute zum Jahreswechsel in New York am Times Square.
Hören wir auf der Klassikliste „Auld Lang Syne“ in der etwas schnulzigen Fassung von Guy Lombardo & His Royal Canadians. Auf der Ergänzungsliste gibt es die klassische Vertonung von Joseph Haydn (1732–1809) aus der Zeit nach 1795. Und es gibt Hunderte von anderen Fassungen. Besonders hinweisen möchte ich hier auf den hörenswerten Silvester-Post des amerikanischen A-Cappella-Country-Quintetts Home Free. Die können singen!
„Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ von Joseph Haydn (1732–1809) sind in vieler Hinsicht ein singuläres Werk in der Musikgeschichte. Denn im Gedenken an das Sterben Christi geht es bei den Katholiken musikalisch „schmuckloser“ zu als bei den Protestanten: In beiden Konfessionen wird an Karfreitag zwar die Passionsgeschichte vorgetragen. Während sich bei den Protestanten daraus vielfältige Passionsmusiken entwickelt haben – Höhepunkte sind die beiden Passionen von Johann Sebastian Bach (1685–1750), siehe #44 und #99 –, wird bei den Katholiken an Karfreitag meist „nur“ a cappella, also ohne Instrumente gesungen – heute bezeichnenderweise oft das evangelische Kirchenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“.
Haydn erreichte daher eine äußerst ungewöhnliche Anfrage, als ein spanischer Priester für die Karfreitagsliturgie im südspanischen Cádiz ein rein instrumentales Werk bestellte. Denn dort war es Tradition, dass der Geistliche über jeden der sieben letzten Sätze, die Jesus am Kreuz gesprochen haben soll, auf der Kanzel eine Betrachtung anstellte und anschließend vor dem Altar kniete. Für diese Phasen sollte Haydn jeweils eine langsame, meditative und rein instrumentale Musik von ungefähr 10 Minuten Dauer schreiben. Das empfand der Komponist als große Herausforderung, wie sein Biograph schreibt: „Es war gewiß eine der schwersten Aufgaben, ohne untergelegten Text, aus freyer Phantasie, sieben Adagios auf einander folgen zu lassen, die den Zuhörer nicht ermüden, und in ihm alle Empfindungen wecken sollten, welche im Sinne eines jeden von dem sterbenden Erlöser ausgesprochenen Wortes lagen.“ Das Werk wurde vermutlich am Karfreitag des Jahres 1787, heute vor 236 Jahren, in Spanien uraufgeführt.
Hören wir auf der heutigen Klassikliste also aus Haydns „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ Hob. XX:1A das „Consummatum est!“ (dt. „Es ist vollbracht“) in der originalen Fassung für Orchester. Es spielt das renommierte Berner Symphonieorchester unter Leitung von Ton Koopman.
Haydn betrachtete das Werk übrigens als sein gelungenstes überhaupt und vermarktete es umfassend. So erstellte er verschiedene Fassungen, ironischerweise auch ein Oratorium, also mit Gesang, wobei heute die Fassung für Streichquartett am häufigsten aufgeführt wird.
