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1879 ver­öffent­lich­te Jo­han­nes Brahms (1833–97) eine Motette, die er als „kleine Ab­hand­lung über das große ‚Warum‘“ be­zeich­ne­te und die häu­fig am Toten­sonn­tag ge­sungen wird. Wie be­reits im Deutschen Requiem, siehe #98, hat Brahms ver­schie­de­ne Texte aus dem Alten und Neuen Testa­ment zusammen­ge­stellt: aus dem Buch Hiob, den Klage­liedern und dem Brief des Jako­bus. Den Ab­schluss bild­et ein Cho­ral von Mar­tin Luther. Wie im Requiem fehlt auch hier be­wusst jeg­licher Ver­weis auf Jesus Chris­tus, und es bleibt eine offene Fra­ge, wie für Brahms die Ant­wort auf das ein­drück­liche, mehr­fach ex­po­nier­te ‚Warum‘ lautet.
Hören wir heute auf der Klassik­liste die Mo­tette „Warum ist das Licht ge­ge­ben dem Müh­se­li­gen?“ op. 74 Nr. 1 von Johannes Brahms. Es singt der in Mann­heim an­sässige Chamber Choir of Europe unter Lei­tung von Nicol Matt (geb. 1970), der aus dem Schwarz­wald stammt und u. a. in Stutt­gart stu­diert hat. Den Text der vier­teiligen Mo­tette find­et sich hier.

Heute wäre Jo­han­nes Brahms (1833–1897) 190 Jahre alt ge­wor­den. Aus diesem An­lass hören wir auf der Klassik­liste aus sei­ner hei­te­ren Sin­fo­nie Nr. 2 D-Dur op. 73 den wunder­baren 3. Satz Alle­gret­to gra­zio­so. Es spie­len die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker unter Lei­tung von Clau­dio Abba­do. Bei der Ur­auf­füh­rung 1877 war das Publi­kum in Wien so be­geis­tert, dass die­ser Satz so­gar wieder­holt wer­den muss­te. Brahms schrieb an sei­nen Ver­le­ger: „Das Or­ches­ter hier hat mit einer Wol­lust ge­übt und ge­spielt und mich ge­lobt, wie es mir noch nicht pas­siert ist!“
Der Musik­kri­ti­ker Edu­ard Hans­lick (1825–1904) schrieb: „Brahms’ neue Sym­pho­nie leuch­tet in ge­­sun­der Fri­sche und Klar­heit; […] Allent­halten zeigt sie neue Ge­danken und doch nir­gends die lei­di­ge Ten­denz, Neues im Sinne von Un­er­hör­tem her­vor­bringen zu wol­len. […] Als ein un­be­sieg­barer Be­weis steht dies Werk da, daß man (frei­lich nicht jeder­mann) nach Beet­hoven noch Sym­pho­nien schrei­ben kann […].“ Im „Musik­streit des 19. Jahr­hun­derts“ war das die Posi­tion der so­ge­nann­ten Brahm­si­aner, die mein­ten, dass Musik kei­nes außer­musika­li­schen Pro­gramms be­dür­fe, son­dern als ab­so­lu­te Mu­sik für sich ste­he. Richard Wag­ner und die Wag­ne­ria­ner hiel­ten das für eine Fehl­ent­wick­lung, sie sahen die Zu­kunft im Musik­drama mit einem außer­musi­ka­li­schen Pro­gramm. Wagner kri­ti­sier­te an Brahms eine „ge­wisse zähe Me­lo­dik“ und läs­ter­te über „klein­li­ches Melo­dien-Häcksel“. Über die­se Kontro­ver­se kön­nen wir heu­te nur irri­tiert die Stirn run­zeln.
Auf der Ergänzungs­liste gibt es wie immer die ge­samte Sin­fo­nie, die meine Frau 1988/89 in ihrem ersten Se­mes­ter in der Stu­denten­phil­har­mo­nie ge­spielt hat – und unse­re Toch­ter ge­nau 30 Jahre spä­ter.

Heute vor 154 Jahren war Kar­frei­tag. Im Bremer Dom lei­te­te Jo­hannes Brahms am 10. April 1868 die Ur­auf­füh­rung eines Werks, an dem er über sieben Jahre hin­weg ge­arbei­tet hatte: 1861 stell­te er Text­stel­len aus der Bibel in der Über­setzung Mar­tin Luthers zu­sam­men, die er da­rauf in mehre­ren Pha­sen ver­ton­te. So ent­stand Ein deutsches Requiem nach Wor­ten der Heili­gen Schrift für Sopran- und Bariton-Solo, Chor und Orches­ter op. 45. Es ist ein Werk im pro­tes­tan­ti­schen Geist, in dem der Trost der Hinter­blie­be­nen im Mittel­punkt steht. Ur­sprüng­lich ist ein Requiem eine katho­li­sche Toten­messe in latei­ni­scher Sprache für die ver­stor­be­nen See­len, siehe #80. In­so­fern zählt Brahms’ Werk we­ni­ger zur Gattung Re­quiem als viel­mehr zur evan­ge­li­schen Motte­te.
Die Auf­führung in Bremen ge­riet „zu einem über­wälti­gen­den Triumph. Mehr als zwei­tausend Zu­hörer waren an­we­send, da­runter viele der be­deu­tend­sten Köpfe des deutschen Musik­lebens“ (Martin Ennis). Damit ge­lang dem 35-jährigen Johannes Brahms (1833–97) schlag­artig der Durch­­bruch. Seine Freun­din Clara Schu­mann (1819–96) schrieb ihm, „daß ich ganz und gar er­füllt bin von Deinem Requiem, es ist ein ganz ge­waltiges Stück, er­greift den gan­zen Menschen in einer Weise wie wenig an­de­res.“ Und der Musik­kritiker Edu­ard Hans­lick schrieb: „Seit Bachs h-Moll-Messe und Beet­hovens Missa solem­nis ist nichts ge­schrieben wor­den, was auf die­sem Ge­biete sich neben Brahms’ deutsches Requiem zu stellen ver­mag.“
Hören wir auf der Klassik­liste den 2. Satz in b-Moll: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“. Es singt der Monte­verdi Choir in Be­glei­tung des Orchestre Révo­lu­tion­naire et Roman­tique unter Lei­tung von John Eliot Gardiner. Auf der Ergänzungs­liste ist das ge­wal­ti­ge Werk voll­stän­dig zu hören.

Wir blei­ben beim Abend. Das be­kann­tes­te Werk von Jo­hannes Brahms (1833–1897) dürf­te das Wiegen­lied mit dem Text­an­fang „Guten Abend, gut’ Nacht“ sein. Brahms hat die­ses Lied 1868 an­läss­lich der Ge­burt des zwei­ten Sohnes für eine Choris­tin ge­schrie­ben, mit der er freund­schaft­lich ver­bun­den war. Der Text stammt aus der be­kann­ten Gedicht­samm­lung Des Kna­ben Wunder­horn der roman­ti­schen Dich­ter Achim von Arnim und Cle­mens Bren­ta­no und geht auf mittel­alter­liche Quel­len zu­rück: Die Rosen sollen ein Dach für das Kind bil­den, die Näg­lein sind Gewürz­nel­ken, mit deren Duft man früher In­sek­ten von Schlafen­den fern­hielt. Die zwei­te Strophe stammt von Georg Scherer und wurde erst später hin­zu­ge­fügt. Das Wiegen­lied wur­de am 22. Dezember 1869 ur­auf­ge­führt, seit­her wird es für seine „meister­hafte Ver­bindung von Kunst- und Volks­lied“ ge­rühmt. Ein Bio­graph von Brahms nann­te es „das schönste al­ler Wiegen­lie­der“. Heute vor 125 Jahren ist Jo­hannes Brahms im Alter von 63 Jah­ren an Krebs ge­stor­ben.
Wir hören es auf der heu­ti­gen Klassik­liste in der Fas­sung der groß­arti­gen schwedi­schen Mezzo­sopra­nis­tin Anne Sofie von Otter (geb. 1955), es be­glei­tet der Pia­nist Bengt Fors­berg.
Einen sol­chen „Schlager“ gibt es na­tür­lich in un­zäh­ligen Be­arbei­tungen – auch für 12 Schäfer­hunde und Kla­vier, wie mein Klavier­lehrer ein­mal sag­te. Für die Ergänzungs­liste habe ich vier davon heraus­ge­sucht: für Vio­li­ne, für Cello, Jazz­band und Horn­quar­tett. Welche ist die schöns­te?