Würde mir eine gute Fee drei Wünsche ganz für mich allein freigeben, dann würde ich mir wünschen, dass ich einen Tag lang so singen könnte wie Fritz Wunderlich (1930–66) mit seiner wunderbaren Stimme und seiner herrlichen, intuitiven Musikalität. Er gilt als einer der größten Sänger, die je gelebt haben, und ist noch immer Vorbild für viele Sängerinnen und Sänger.
Und dann würde ich auch die Arie „Komm, o holde Dame“ singen. Sie stammt aus der Opéra-comique „La dame blanche“ („Die weiße Dame“) von François-Adrien Boieldieu (1775–1834). Im Zentrum steht die weiße Dame, ein vermeintliches Schloßgespenst, das sich am Schluss als Pflegetochter des betrügerischen Verwalters entpuppt. Die Oper wird heute fast nicht mehr aufgeführt, aber die Tenorarie ist berühmt und wird nach wie vor gesungen.
Heute vor 60 Jahren war Fritz Wunderlich im Studio und hat die Arie mit ihrer langsamen Einleitung und dem furiosen Finale aufgenommen. Und anders als im Notentext geht Wunderlich in der zentralen Koloratur aufs hohe C hinauf.
Wir hören heute auf der Klassikliste also die Arie Arie „Viens, gentille dame“ aus „La dame blanche“ von Boieldieu. Es singt Fritz Wunderlich, begleitet vom Bayerischen Staatsorchester unter Leitung von Hans Müller-Kray.
Beiträge
Die Johannes-Passion BWV 245 ist die erste Passion von Johann Sebastian Bach (1685–1750). Sie wurde an Karfreitag, den 7. April 1724 in der Leipziger Nikolaikirche uraufgeführt. Sie ist in fünf „Akte“ gegliedert: 1. Verrat und Gefangennahme Jesu, 2. Verleugnung durch Petrus, 3. Verhör und Verurteilung Jesu durch Pontius Pilatus, 4. Kreuzigung und Tod sowie 5. Begräbnis Jesu.
Auf der heutigen Klassikliste hören wir die Verleugnung durch Petrus: „Er leugnete aber und sprach: Ich bin’s nicht! Spricht des Hohenpriesters Knecht einer, ein Gefreund’ter des, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: Sahe ich dich nicht im Garten bei ihm? Da verleugnete Petrus abermal, und alsobald krähete der Hahn. Da gedachte Petrus an die Worte Jesu, und ging hinaus und weinete bitterlich“, wobei der letzte Satz nicht aus Joh. 18, 25–26 stammt. Wir hören die Starbesetzung des 20. Jahrhunderts: Fritz Wunderlich als Evangelisten und Dietrich Fischer-Dieskau als Jesus. Auf der Ergänzungsliste ist die gesamte Szene mit ihrer beklemmenden Aussage zu finden.
Am 2. Weihnachtsfeiertag wird die 2. Kantate des Weihnachtsoratoriums BWV 248 von Johann Sebastian Bach (1685–1750) aufgeführt, in der der Engel den Hirten die Nachricht von der Geburt Jesu überbringt. Die Einleitung der Kantate mit dem Titel „Und es waren Hirten in derselben Gegend“ bildet die bekannte Hirtensinfonie mit Traversflöten, Oboen d’amore und Oboen da caccia als „Hirteninstrumenten“. Höhepunkt ist die Verkündigung des Engels: „Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids“ (Lk 2, 10–11). Dann kommt die große Tenor-Arie „Frohe Hirten, eilt, ach eilet“ – sehr schwierig, aber wunderschön! Später kommt noch die Alt-Arie „Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh’“ und der mitreißende Chor „Ehre sei Gott in der Höhe“. Bei der Uraufführung 1734 war der 26.12. übrigens wie heute ein Sonntag.
Wir hören auf der Klassikliste die Tenor-Arie, 1965 gesungen von Fritz Wunderlich – wie damals üblich in langsamem Tempo. Es begleitet das Münchner Bach-Orchester, Dirigent ist Karl Richter. Auf der Ergänzungsliste hören wir die gesamte 2. Kantate in einer modernen Aufnahme mit raschen Tempi unter Leitung von Jordi Savall.
Wenn ich an „Mai“ denke, kommt mir zuerst das Lied „Im wunderschönen Monat Mai“ von Robert Schumann (1810–1856) in den Sinn, das besonders zu dem strahlenden Wetter heute passt. Das Liebeslied von Heinrich Heine (1797–1856) besteht nur aus zwei schlichten Strophen:
Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.
Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.
Während die Aussage des Textes klar wirkt, wird sie in Schumanns höchst kunstvoller Vertonung andauernd hinterfragt. Schon vor dem ersten Takt platzt ein vorgehaltenes cis zu früh herein, und in der gesamten Klavierbegleitung schwankt die Tonart ohne harmonische Bestätigung permanent zwischen fis-Moll und A-Dur – um im letzten Takt auf einem Cis-Dur-Dominantseptimakkord ohne Auflösung stehen zu bleiben. Es bleibt bei der Sehnsucht.
Dieses Lied macht den Auftakt zum berühmten Liederzyklus Dichterliebe op. 48 aus 16 Liedern über unerfüllte Liebessehnsucht. Die Dichterliebe war übrigens Schwerpunktthema in meinem eigenen Musik-Leistungskurs, in dem ich mich 1988–90 intensiv mit ihr beschäftigt habe.
Auf der Klassikliste hören wir Fritz Wunderlich (1931–1963), den viele wegen seiner Musikalität und seiner schönen Stimme für den größten Tenor des 20. Jahrhunderts halten. Er hat alles gesungen – Oper, Operette, Lieder, populäre und geistliche Musik – und immer mit einer tiefen Empfindung. Im Zug konnte es passieren, dass er aufstand und zur Freude aller populäre Lieder sang – ein wahrhaft begnadeter Musikant, von dem wir noch einiges hören werden.
Auf der Ergänzungsliste finden sich die ersten fünf Lieder der Dichterliebe.
